Domestikation

Ein WOLF hatte die Wildnis satt
und sagt: "Jetzt geh ich in die Stadt!
Dort will ich hetzen, jagen, reißen,
will wüten, heulen, wolfen, beißen,
will sein der ganzen Stadt ein Schrecken,
will Mensch und Tier daniederstrecken."

Doch als er näher kam zur Stadt,
da fühlte er sich bang und matt,
die Straßen voller greller Lichter,
bunte Reklame mit Gesichter,
so groß wie Bäume - erst der Lärm,
Da zieht die Angst ihm ins Gedärm!
Und Autos die vorüberbrausen,
die um ihn flitzen, brummen, sausen,
die dröhnend ihre Auspuffgase,
ihm drücken in die wölf'sche Nase,
und Fahrradfahrer, klingeln, bimmeln,
und Fußgänger, die um ihm wimmeln,
und Kinder, die was nach ihm schmeißen,
und Hunde, die die Straß' verscheißen,
und die Gerüche, die betören,
die Sinne ihm empfindlich stören,
all das läßt ihn in Panik schlittern,
die wölfschen Knochen furchtsam zittern.

Er rennt drauf los und find sich bald,
in einem Park, der ihm gefallt,
so herrlich ruhig, schaurig düster,
da fühlt der Wolf sich wieder wüster.
Und als er eine Katz' entdeckt,
er seine wölf'schen Zähne bleckt,
setzt an zu einem Wolfsgejaul,
doch kommt ein "Wuff" nur aus dem Maul,
nein, dringt gar nur "Wiff" aus seinem Mund -
so schnell wird aus 'nem Wolf ein HUND!

 

Erstmals vorgetragen auf einer Silversterfeier 1999/2000
in Oberboihingen, Schwabenland.

Nachträglich gewidmet dem Leitwolf Joschka F.
und seinem
grünen Rudel!