Wanderurlaub in Südtirol

 

 

V.l.n.r: Der Schlern von der Seiser Alm aus; der Völser Weiher; Bachbett bei der Seiser Alm

 

"Streng genommen", dozierte Gustav, wobei er ein säuerliches Gesicht aufsetzte, "streng genommen ist das heute noch keine richtige Wanderung. Aber Gertrud und ich pflegen immer am ersten Urlaubstag eine ganz leichte Tour zu unternehmen, gewissermaßen zum Eingewöhnen. Das kommt Dir ja sicher entgegen?"

Er blickte mich herausfordernd an, erwartete aber keine Antwort.

Vielmehr faltete er seine Wanderkarte auseinander und fuchtelte mit dem Finger darauf herum: "Also, der Weg geht von hier, vom Völser Weiher den Weiherweg entlang, dann rüber nach Seis, von dort zurück über St. Vigil und St. Konstantin zum Völser See. Nach einer kleinen Jausen am See stechen wir dann am Nachmittag noch hinauf zur Tufa-Alm."

"Ist praktisch alles hangparallel", ergänzte Gertrud, "so gut wie keine Steigungen."

Wir setzten uns in Bewegung.

"Streng genommen noch keine Wanderung", wiederholte Gustav, "aber trotzdem ist es gut, Wanderschuhe zu tragen."

Wohlwollend blickte er auf meine Füße, die in neuen Wanderschuhen steckten; Wanderschuhen, die ich mir extra für unsere Touren durch Südtirol gekauft hatte.

Gertrud lächelte mild und erklärte: "Gustel kann sich keine Touren ohne richtige Bergschuhe vorstellen; selbst zu Hause, im Pfälzer Wald, macht er alles in seinen Bergschuhen. Ich übrigens auch."

Zügig ging es voran. Ich hatte Mühe, mit den beiden Schritt zu halten.

"So ist's", sagte Gustav, "ich sage immer, das wichtigste beim Wandern sind die Schuhe! Natürlich auch die übrige Ausrüstung: Wanderkarte, leichter Rucksack, Regenjacke, Flasche mit Trinkwasser, Notration Traubenzucker, Schweizer Taschenmesser, Pflaster und Wundspray für alle Fälle.."

"...und für mich meine beiden Wanderstöcke", rundete Gertrud die Aufzählung ab, "der Gustel lacht zwar darüber, aber ich sag' Dir, so ein Stock ist bei schwierigen Abstiegen eine sehr gute Hilfe. Bis zu 20% Belastung nimmt so ein Stock von den Knien!"

Ich nickte, was Gustav mit einem bösen Seitenblick quittierte. "Ich muß die Hände frei haben", sagte er, "solche Stöcke sind mir ein Greuel, aber wenn die Trudel meint, na ja. Das wichtigste sind jedenfalls die Schuhe. Meine sind von Firma Bändel. Schon immer trage ich Bändel-Schuhe. Die passen vom ersten Tag an wie angegossen; da drückt nichts, da zwickt nichts. Es geht nichts über einen Bändel-Schuh!"

Nach dieser Werbeeinlage für seine Bergschuhe - meine stammten von einer anderen Firma - mußte er seinen Redefluß unterbrechen, denn der Weg wurde plötzlich eng und führte steil bergab. Gustav ging voraus, dann folgte ich, hinter mir klapperten die Wanderstöcke von Gertrud.

Nach rund 300 m Abstieg überquerten wir ein Bachbett und der Weg ging mindestens genauso steil wieder in die Höhe.

"Das ist also hier hangparallel...", wagte ich zu bemerken.

Gertrud lachte: "In Südtirol gilt alles bis zu 400 m Höhenunterschied hangparallel."

"Und bis zu 800 m sind's Familienausflugswege", fuhr Gustav fort, "richtig interessant wird es erst ab 1000 m Höhenunterschied und auf Klettersteigen selbstverständlich, wo die Kaffefahrer und die Dämchen aus den Fünf-Sterne-Nepp-Hotels nicht mehr hinkommen."

"Aber ernsthaft, Gustel", meinte Gertrud, "der Weg sollte doch laut Karte nicht so auf und ab gehen."

"Wir sind schon richtig", brummte Gustav, "die Karte taugt nicht viel! Wie alle Wanderkarten in Italien! Die Wegemarkierung stimmt jedenfalls. Immer der Nummer Zwei nach!"

Raschen Schrittes ging es weiter, mal bergauf, mal bergab. Irgendwas drückte an meinem rechten Fuß. Ich bückte mich, um meinen Schuh etwas lockerer zu binden.

Gustav drehte sich um und fragte fast beiläufig: "Irgendein Problem?"

Ich verneinte, worauf Gustav argwöhnte: "Die Schuhe sind doch hoffentlich eingelaufen?"

"Aber sicher", beeilte ich mich zu sagen. Eingelaufen? Von wegen! Mich überkam es heiß und kalt. Natürlich hätte ich die Schuhe irgendwann einlaufen sollen - und in der Tat hatte ich sie zu Hause auch einmal für wenige Minuten am Fuß, wobei ich mir aber lächerlich vorgekommen war und sie bald wieder abgestreift hatte.

Gertrud beruhigte mich aber: "Das mit dem Einlaufen ist ja auch nicht so wichtig. Ein Schuh paßt entweder von Anfang an oder nie, gell' Gustel?"

"Im Prinzip schon", ergänzte ihre bessere Hälfte, "andererseits stellt man beim Einlaufen fest, ob der Schuh überhaupt geeignet ist. Im Schuhladen übersieht man das eine oder andere, läßt sich vielleicht vom Verkäufer beschwatzen. Wenn der Schuh dann zu Hause beim Einlaufen drückt, ist immer noch Zeit, einen anderen zu kaufen. Gehen wir weiter!"

Wir folgten weiter der Nummer Zwei, die uns in ein finsteres Tal hinunter führte. Eine Gruppe älterer Damen kam uns entgegen - in weißen Turnschuhen.

Gustav konnte sich nicht zurückhalten. Laut, daß die Damen es hören mußten, kommentierte er: "Für flache Wege mögen Turnschuhe noch gehen, aber nicht für richtige Bergtouren! Was glaubt Ihr, wieviel Leute in den Bergen verunglücken, nur weil sie nicht die richtigen Schuhe tragen. Da gibt es Stories von Schnöseln in Sandalen und Japanern in Seidenschuhen, die damit auf dem Mont Blanc wollten!"

Es folgte ein zwar kurzer, aber äußerst steiler Abstieg auf Schotter.

"Frage mich, wie die Trullas mit ihren Schläppchen da raufgekommen sind", spottete Gustav weiter, "wahrscheinlich rutschend, sich gegenseitig am Hintern hochschiebend und mit viel Huuch und Aaach!"

Gertrud lächelte gequält; sie kannte die Kommentare wohl schon zur Genüge. Ich lächelte nicht, denn an meinem rechten Fuß drückte es mehr als zuvor. Jeder Abwärtsschritt war schmerzhaft!

Unten angekommen begann ich wieder an meinem Schuh herumzuhantieren. Ich band ihn noch lockerer, in der Hoffnung der Druck ließe nach.

Gefehlt! Es wurde schlimmer. Meine Begleiter merkten, was los war und sofort nahmen sie mich ins Kreuzverhör: "Stimmt was nicht?" "Probleme mit den Schuhen?" "Sag bloß nicht, daß Du ernsthafte Probleme hast?" "Hast Du beim Einlaufen nichts gemerkt?"

Ich spielte meinen Schmerz herunter und band nun den Schuh so fest es ging, um jegliches Reiben und Schlagen des Schaftes gegen meine Achillessehne auf Null zu reduzieren.

Mit dem Gefühl, der Fuß stecke in Gips, ging es ein paar Schritte ganz gut. Doch dann kehrte der Schmerz zurück - mit doppelter Wucht! Gustav und Gertrud waren einige Meter voraus, deshalb sahen sie nicht, daß ich meinen Schuh wieder lockerte. Ich hinkte aber mehr und mehr zurück, denn unwillkürlich lief ich langsamer, im Glauben damit das Pochen und Ziehen an meiner Ferse vermindern zu können.

Urplötzlich blieb Gustav stehen, drehte sich um und knurrte:

"Also doch Probleme mit den Schuhen! Wenn Du nicht mehr weiter kannst, überleg' Dir, ob Du nicht besser zurück gehst!"

"Ach was", knurrte ich zurück, "so schlimm ist es nicht. Es drückt irgendwie an der rechten Verse. Komischerweise nur an der rechten; auf der linken Seite..."

"Das ist normal", unterbrach mich Gertrud, "die Füße sind unterschiedlich stark. Wenn die Schuhe nicht passen, beginnt es immer auf einer Seite." Sie setzte ein mütterlich-besorgt-säuerliches Gesicht auf und schloß: "Aber die andere Seite meldet sich mit Sicherheit ebenfalls früher oder später."

"Was soll ich da machen?" fragte ich mit einem leichten Anflug von Verzweiflung.

"Nichts!" schnaubte Gustav, "da ist nichts zu machen! Die Schuhe sind Pfusch, für Deine Krummfüße nicht geeignet. Da hilft nur eines: Die Dinger verhacken, wegwerfen und andere kaufen!"

"Schöne Aussichten!" rief ich mit einer Mischung aus Beschämung und Wut, "die waren nicht billig! Ich werde mich schon an die Dinger gewöhnen."

"Gewööööhnen!" dröhnte Gustav, wobei sein breites Gesicht noch breiter wurde, "nie und nimmer gewöhnt man sich an einen Schuh, der nicht sitzt! Hab ich's nicht schon gesagt!? Ein Schuh - und erst recht ein Bergschuh - sitzt entweder von Anfang an als wäre man damit geboren oder er sitzt nie! Niemals, mein Lieber!"

"Aber beim Anprobieren im Laden saß der Schuh", wagte ich zu widersprechen und hastig fügte ich hinzu: "und beim Einlaufen ebenfalls. Da habe ich nichts gemerkt."

"Papperlapapp", schnauzte Gustav, "der Verkäufer wird Dir was aufgeschwatzt haben! Und erzähl mir nichts vom Einlaufen! Wahrscheinlich hast Du Deine Schlappen nur von der Küche bis zum Lokus eingelaufen - kein Wunder, daß Du da nichts gemerkt hast!"

Wie recht er hatte, dachte ich. Unverhofft kam mir Gertrud zur Hilfe:

"Es ist aber schon wahr, daß man im Laden, auf den Teppichböden dort, wenn man einen Schuh nur kurz am Fuß hat, die Druckstellen nicht merkt. Jeder Kauf ist ein Risiko. Aber jetzt kann man nichts mehr machen. Du mußt sehen, wie Du zurecht kommst. Vielleicht versuchst Du es beim nächsten Mal mit dickeren Socken?"

Ich betonte, meine Socken seien schon die dicksten Wandersocken, die es gäbe; mit noch mehr Stoff um die Füße käme ich in die Schuhe nicht mehr hinein. Gertrud nickte und versuchte es mit einen weiteren Rat: "Am besten Du legst Dir ein Papiertaschentuch in den Socken über die Ferse, dann wetzt es nicht so stark."

"Soll er, bringen wird es nichts", maulte ihr Gustel, "jedenfalls wird es mit diesen Schuhen nichts aus den gemeinsamen Wanderungen! Wenn er damit nicht einmal den Weiherweg schafft, wie will er da auf die Puflatschalm, die Bärenfalle hoch oder gar über den Schustersteig auf den Plattkofel?"

"Vielleicht mit anderen Schuhen", meinte Gertrud, "er könnte sich in Bozen nach anderen Wanderschuhen umsehen."

"Klar, mit den Latschen ist nichts mehr zu machen", schnaubte Gustav und ich erwartete eine neue Lektion über die Vorzüge von Bändel-Schuhen oder dergleichen. Er setzte auch an, winkte aber dann nur ab und mahnte zum Weitergehen. Mir war, als hetzten die beiden noch schneller als zuvor durch den Wald, und ich bemühte mich - trotz aller Beschwerden - mit ihnen Schritt zu halten. Vielleicht ließ der forsche Gang den Druck vergessen? Wieder irrte ich mich: Es wurde schlimmer und schlimmer. Ich ahnte wie es gewesen sein mußte, als im Mittelalter die Henkersknechte ihren Opfern die "Spanischen Stiefel" anzogen. Mittlerweile drückte es in der Tat auch am linken Fuß, allerdings an den Zehen. Jeder Schritt war begleitet von einem Hammerschlag auf die linken Zehen und einem Hobelzug über die rechte Ferse. So konnte das nicht weitergehen! Ob ich tatsächlich umkehren sollte?

Meine beiden Begleiter waren bald gut hundert Meter voraus. Sie schienen sich um meine Torturen nicht zu kümmern. Ich hatte den "Trick" mit dem Papiertaschentuch probiert und tatsächlich etwas Linderung verspürt, doch schon bald verrutschte das Tuch und bildete einen Knoten, der zusätzlich quälte. Also riß ich mir das Papier wieder heraus und warf es wütend in den Wald.

Gertrud und Gustav hatten sich zu einer kurzen Rast auf eine Bank gesetzt, so daß ich sie wieder einholte. Ich hörte gerade wie Gustav herumnörgelte:

"So ein verdreckter Wald! So was ist in Südtirol selten! Überall diese Papiertaschentücher, auf Schritt und Tritt! Und dann auch noch so direkt am Weg! Eine Sauerei!"

"Ihr Männer habt es da einfacher", entgegnete Gertrud, "ihr stellt euch einfach an einen Baum und fertig. Wir Frauen..."

"Aber warum denn so unmittelbar am Weg! Können die nicht ein paar Schritte in den Wald gehen? Angst vor Spinnen, Zecken oder Schlangen? So ein Quatsch! Die wollen zeigen, daß sie hier waren! Reines Markiergehabe ist das! Das, was man uns Männern immer vorwirft! Ich sag' Dir: Das sind die besseren Dämchen von den Beauty-Farms und den Schickimicki-Hotels in Kastelruth und Seis, die abends in ihren Stöckel- und Plateauschuhen hier promenieren und sich dann bewußt und gezielt auf den Weg setzen! Fehlt gerade noch, daß sie ihre Visitenkärtchen dazu legen!"

Mein Eintreffen ließ seinen Redeschwall verstummen. Er schaute mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an und meinte: "Die Hälfte haben wir bald. Jetzt macht's keinen Sinn mehr für Dich umzukehren. Der Weg über Seis und St. Vigil ist angenehmer, sogar zum Teil geteert."

"Es geht schon", zischte ich - und ließ mich auf die Bank fallen. Rasch streifte ich die Schuhe ab und begann meine Füße zu reiben.

"Das ist gerade das falsche", setzte Gustav noch eines drauf, "an den Füßen rumfummeln. Na ja, ist ja jetzt eh alles egal."

Er stand auf; Gertrud schnellte ebenfalls in die Höhe, als sei sie an ihm festgebunden.

"Du hast ja eine Karte und wirst den Weg sicher finden", sagte er - es klang wie ein Abschied.

Nach einigen Minuten - der Schmerz hatte ganz nachgelassen und ich wähnte mich schon geheilt - ging ich ebenfalls weiter. In der Tat, hier lagen viele Papierfetzen auf und neben dem Weg, als hätte jemand eine Schnitzeljagd veranstaltet. Vielleicht hatten hier andere Wanderer ebenfalls versucht, mit einem Taschentuch die Druckstellen in ihren Schuhen zu mildern und waren wie ich gescheitert? Meine spöttischen Gedanken erinnerten mich an den Schmerz, der sich auch sofort mit höllischer Stärke wieder einstellte.

 

Idyllische Plätze auf der Seiser Alm

 

Den Rest des Weges, die gut 6 km zuerst durch das Städtchen Seis, dann über Wiesen, durch kleine Wäldchen und durch Gehöfte, wo mich bösartige Hunde - zum Glück angekettet - ankläfften, ereignete sich nichts besonderes mehr: Der Schmerz blieb und vergällte mir die gute Sicht auf den Schlern und das Eisacktal. Immerhin, Gustav hatte recht gehabt, ein Stück des Weges folgte einer geteerten Fahrstraße und ich streifte die Schuhe ab - mochten die mir entgegenkommenden Wanderer noch so glotzen und hinter vorgehaltener Hand spotten. Der Versuch, barfuß auch auf einem Schotterweg weiterzuwandern, ging natürlich schief und auch auf den frisch gemähten Wiesen, parallel zum Weg, konnte ich ohne Schuhe nicht laufen, da die Grashalme ekelhaft stachen.

Als ich am Gasthaus am Völser Weiher ankam, sah ich wie Gertrud und Gustav gerade von dort aufbrachen. Sie hatten dort wohl ausgiebigst "gejaust" und sich für den geplanten Aufstieg zur Tufa-Alm gestärkt. Sie blickten bei ihrem Aufbruch zwar in meine Richtung, sahen mich aber wohlweislich nicht.

Auch an den restlichen Tagen unserer gemeinsamen Südtirolreise sah ich nicht viel von den beiden. Die nächsten zwei Tage kurierte ich - in einem Liegestuhl im Garten des Hotels - meine Schleimbeutelentzündung an der rechten Ferse und die Blasen an den linken Zehen. Danach erkundete ich Brixen, Bozen, Meran und gönnte mir Ausflüge nach Verona und Venedig - in Turnschuhen und in Sandalen!

 

Bozen, Venedig, Verona

 

© R. Thum, September 1998