Walzerlinksgestrickt

oder Tango-Nächte in Berlin

Anmerkung: Nicht-Tango-Tänzer werden diesen Bericht gewiß kaum nachvollziehen können. Und wenn sich mal ein Berliner Tanguero hierher verirrt, sich wiedererkennt und gleichzeitig auf den Schlips getreten fühlt - so sei ihm gesagt: War nicht so gemeint - oder doch?

 

Was macht ein Tourist, der nur zwei Tage für Berlin Zeit hat und dabei obendrein zum ersten Mal in dieser Stadt weilt? Richtig: Er schont sich nicht und klappert die Hauptsehenswürdigkeiten ab, und das auch dann, wenn eine entsetzliche tropische Schwüle über der Spreemetropole liegt. Und was macht er, wenn er außerdem leidenschaftlicher Tangotänzer ist? Ebenfalls richtig: Trotz heiß gelaufener Füße und schmerzendem Rücken zieht er nächtens los, die legendäre Berliner Szene zu erforschen.

Das Etablissement "Walzerlinksgestrickt", mitten in Kreuzberg, genießt solch einen legendären Ruf. Denn irgend jemand hatte einmal über die Milonga im "Walzerlinksgestrickt" geschrieben, nirgends in Berlin - und so schlußfolgere ich: damit auch nirgends in Deutschland - sei der Dünkel der Tänzer so auffällig wie hier, nirgends träfen so viele schräge Vögel aufeinander, nur um gesehen zu werden. Allein solch lästernde Worte machen neugierig und lassen einem die brennenden Füße vergessen.

Als Christine und ich bei den vertrackten Walzer ankamen - nach einer längeren Irrfahrt mit Auto und U-Bahn und weiteren qualvollen Fußmärschen - war es bereits 23.00 Uhr und die Milonga lief auf Hochtouren. Schon im Vorplatz herrschten ein wirres Gedränge und die Geruchsmischung aus teuren und billigen Parfümen, Schuhsolenabrieb, Fuß- und Körperschweiß, die solchen Veranstaltungen - sofern sie gut besucht sind - zu eigen ist. Auch der eigentliche Tanzsaal war erschreckend voll. Vielleicht 25 bis 30 Paare bewegten sich auf der Tanzfläche, unzählige Personen hockten an den wenigen Tischen um die Arena, lehnten an den Wänden oder blockierten den Eingang. Mit etwas Mühe zwängten wir uns durch all die Leiber in den Tanzsaal. Dann standen wir da und waren zunächst einmal baff.

Jener Mensch, der über den linkischen Walzer gespottet hatte, hatte nicht übertrieben! "Mein Gott, wo sind wir da gelandet!" rief Christine und mir entfuhr ein lautes: "Wie dekadent! Das ist ja wie auf einer Zeichnung von Zille!" Etliche Typen, die links und rechts neben uns standen, vielleicht auch einige Tänzer auf dem Parkett, mußten das gehört haben. Keiner widersprach, keiner nahm daran Anstoß.

Nun ja, zur Ehrenrettung der Tänzer an jenem Abend will ich gestehen, es waren auch ganz "normale" Gestalten darunter. Doch selbst wenn diese die Mehrheit gewesen wären, sie verblaßten einfach neben all den bunten Papageien, Pfauen, Schopf- und Perlhühnern, die da ihr Gefieder aufplusterten und zur Schau stellten. Alles, was der Liebe Gott in den Berliner Tiergarten gesetzt hatte, war hier vertreten: Es gab ältere Herren mit Glatzen und Goofy-Backen, die sich elegant und distinguiert gaben; die so wohlerzogen waren, daß sie - den tropischen Temperaturen im Saal zum Trotz - zum Jackett griffen, wenn sie sich zum Tanz erhoben, in dieses hineinschlüpften und den mittleren Knopf verschlossen, als gelte es, einen Vortrag bei einem Festakt des Rotary Clubs zu halten. Dazu passend die Damen in langen, rückenfreien Abendkleidern, mit Strass-Schmuck oder edlerem Glimmer weihnachtsbaumartig behängt. Daneben etwas legerer gestylte Herren, jackettfrei aber noch mit Krawatte oder Fliege oder im lantinomäßigen Überfallhemd (wobei es manche stilbrechend wagten, einfach ihren lang- oder kurzärmeligen T-Shirt-Fetzen über der Hose zu tragen, um damit ein Überfallhemd plump vorzutäuschen). Sodann Damen in Charleston-Kleidern, jenen Fetzen, die man aus Charly-Chaplin-Filmen kennt, extrem kurz und mit Fransen bis weit unter die Knie, und natürlich auch Damen mit Hüten - besonders auffällig jener weiße mit der Riesenkrempe, an den der Tanzpartner anstoßen mußte, wenn er sich nicht duckte - dazu alle möglichen wallenden Schals, armlange Handschuhe oder Federboas. Die Farbkombinationen reichten von tristem Tanguero-Schwarz über Pastell-creme-weiß oder Purpur-violett bis hin zum grellem Bunt eines Tukans. Besonders auffällig aber war jener Kleingewachsene mit dem verkniffenen Beamtengesicht (Ministerialrat? Jurist am Oberverwaltungsgericht?): Seine Beine steckten in schwarzen kurzen Hosen, darunter prangten schwarze Kniestrümpfe und schwarze Schuhe, dazwischen aber schimmerten keck die käsig weißen, leicht behaarten Knie. Seinen Oberkörper zierte ein Boxer-Shirt, silbern glitzernd wie ein Sternenhimmel (ein solches, wie man es am ehesten bei Beate Uhse bestellen kann) und in seinem Gesicht prangte eine dunkle Hornbrille. Seine Partnerin, nicht minder kleinwüchsig, mit ebenso verkniffenem Ausdruck (Lehrerin an einer Hauswirtschaftsschule? Zahnarzthelferin?) präsentierte eine schillernde Fransenkleid-Creation mit Spaghettiträgerchen. Weitere Kurzbehoste und Firlefanzröckchenträgerinnen versuchten den beiden den Rang streitig zu machen - doch ohne Erfolg. Allenfalls noch jene Dame wäre gut für den "Best-of-Award" gewesen, da sie sich - . mindestens im 7. Monat schwanger - in ein knallrotes Kleid gezwängt hatte, welches derart ausgeschnitten war, daß ihr Bauch herrlich links und rechts herausquoll und somit hinreichend zur Geltung kam.

Und der Tanzstil? Nun ja, eigentlich gibt es beim Tango weder "richtig" noch "falsch", allenfalls ästhetisch und unästhetisch. Dabei kann man sich wiederum streiten, was ästhetisch ist und was nicht. Sei es drum: Klassischer "Tango de Salon" war es jedenfalls nicht, woran sich die Walzerlinksgestrickten versuchten. Da wurde vielmehr gehüpft, gescherrt, getrippelt, gerüttelt, geschüttelt, getrampelt und gestampft. Das ruckartige Gewackel mit den ganzen Körpern, die urplötzlichen Ausfallschritte, die vielen pferdetrittartigen Ganchos und bock-eseligen Voleos, das unverhoffte Drehen der Köpfe, aber auch die Schnelligkeit, mit der der Raum durchmessen wurde - vor allem der Kurzbehoste mit der Hornbrille tat sich geschwindigkeitsmäßig besonders hervor - glichen eher der Hektik und den Verrenkungen bei Standard-Latein-Tournieren als dem Tango Argentino. Nein, mehr noch: Das "Figurenabspulen" erinnerte zeitweise an Bodenturnen! Unwillkürlich hielt ich nach Turnmatten Ausschau und erwartete bei dem einen oder anderen einen Salto oder Flickflack.

Nach längerem Starren wagten wir uns auch auf die Tanzfläche und mühten uns zwischen all den anderen Paaren hindurch, immer darauf bedacht, nicht durch deren Ganchos und sonstigen Tritte blaue Flecken davon zu tragen. Der Kurzbehoste mit der Hirnbrille - Pardon, das war ein Tippfehler - also der mit der Hornbrille wirbelte mehrfach an uns vorbei: Bis wir die Tanzfläche halb umrundet hatten, war er schon zwei Mal an uns vorbei gedüst - und ich bemerkte, daß sowohl er als auch seine Partnerin fast immer die Augen geschlossen hatten. Überraschenderweise stießen die beiden aber mit niemanden zusammen, wie es überhaupt nahezu keine Rempeleien gab. Allem Anschein nach hatte diese Spezies Mensch noch einen weiteren Sinn entwickelt, einen "Abstandssensor" gewissermaßen, ähnlich wie er bei Katzen in den Schnurrhaaren sitzt!

Nach zwei, drei Tänzen ergatterten wir einen Platz an einem der Tische. Gerade donnerte ein wie ein 20er-Jahre-Gigolo geschniegelter Tänzer mit seiner papageienbuntgekleideten Partnerin vorbei, da hörte ich einen Herren an unserem Tisch: "...ein Pasadoble?" Der Herr war recht moderat gekleidet, sicherlich war er ein Zufallsgast so wie wir. "Ja", erwiderte ich, "sieht nach Stierkampf aus." Der Herr nickte, erhob sich aber dann und zog mit seiner Partnerin auf die Tanzfläche, wo ich ihn schnell aus den Augen verlor.

Wir verließen den linken Walzer schon bald wieder. Es waren aber nicht die Schnösel oder deren Tanzstil, auch nicht die Enge oder die Hitze, die uns vertrieben. Nein, es war vor allem unsere Müdigkeit - aber auch der hundsmiserable Boden, der einem das Tanzen vergällte. Er verdiente schlichtweg nur noch das Attribut "dreckig". Erdig-schluffig-sandige Stellen wechselten mit solchen, die wie Patex klebten - als hätten Generationen von Tänzer hier Bier oder Cola verschüttet, welches niemals weggewischt worden war. Vor allem das Drehen von Ochos wurde auf diesem Haftgummi zur Qual. Möglicherweise ist der Boden dort sonst nicht so, vielleicht aber muß er dort so sein, als Kontrapunkt zum aristokratischen und snobistischen Styling und Gehabe der Tänzer? Möglicherweise erklärt sich deren eigenwillige Kampfturnertanzstil aus der Beschaffenheit des Bodens? Da Ochos und Drehungen nur schwer möglich sind, wird mehr gehechtet und mehr gehüpft?

Nachts drauf jedenfalls probierten wir den zweitberühmtesten Tango-Tanzsaal Berlins, den "Ballhof Rixdorf". Wir waren auf alles gefaßt - wurden aber überrascht: Der Tanzsaal war noch fast leer, als wir ankamen, füllte sich aber im Verlauf des Abends mit sehr vielen Paaren, von denen wir jedoch keine aus dem "Linksgestrickt" wiedererkannten (oder trugen sie hier alle andere Kleidung?). Und siehe da: Es wurde "Tango de Salon" getanzt - schöner, gediegener, harmonischer Tango, wie wir ihn lieben! Die Welt war wieder in Ordnung! Allerdings fiel mir auf, daß das Niveau bei allen Tänzern sehr hoch war. Eine Einheimische, die ich zum Tanzen aufforderte, fragte ich vorsichtig, wo denn in Berlin die Anfänger tanzten, wobei ich zur Antwort bekam, hier seien etliche Anfänger, sie selbst sei auch eine, habe sie doch noch nie einen Kurs belegt, sondern sich den Tango autodidaktisch beigebracht. Ich zog es darauf vor, zu schweigen.

Was den Boden anging, so hatten wir allerdings wieder Pech: Er war zu Beginn pechschwarz, verfärbte sich aber im Verlauf des Abends nach weiß. Dafür klebte die Farbe lustig auf unseren Schuhsolen. Auf meine Frage, ob der Boden hier immer so sei, wurde ich beruhigt: Man hätte just einen Tag zuvor hier ein Video gedreht und dazu einen schwarzen Boden benötigt. Also habe man ihn kurzerhand gestrichen!

Juli 2000