Straßenpolizei

Drei von fünf Szenen


Erste Szene

Personen:
Zwei dominikanische Polizisten, einer korpulent, einer kantig
Ein Ausländer, in Santo Domingo wohnhaft, unerfahren

Nachmittag. Der Unerfahrene kutschiert mit seinem Vehikel durch das Villenviertel Arroyo Hondo. Ein Polizeiauto kommt ihm entgegen, versperrt ihm den Weg. Die beiden Polizisten schälen sich heraus. Pistolen und kunstvoll gedrechselte Schlagstöcke im Halfter.

Der Korpulente: Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich in einer Einbahnstraße befinden? Sie fahren eine Einbahnstraße verkehrt herum! Ausländer: Entschuldigung, ich habe das Schild nicht gesehen.

Der Korpulente deutet auf ein leicht angewittertes Schild am Straßenrand: Unübersehbar! Das wird teuer. Sie müssen mit zur Wache. Wir müssen ein Protokoll aufsetzen.
Setzt sich behende auf den Beifahrersitz im Auto des Ausländers. Fährt fort mit drohendem Unterton: Fahren Sie rückwärts die Straße heraus und folgen Sie dann meinem Kollegen!

Der Ausländer tut wie ihm geheißen, stottert: Verzeihen Sie, ich bin erst seit kurzem im Land... äh ... ich arbeite hier, wissen Sie ... in einem Projekt ... für Ihre Regierung...

Drei Minuten später; an einer einsamen Stelle.

Der Korpulente: Halten Sie hier an!

Der Wagen hält.

Der Korpulente: Nun wollen wir weitersehen. Wir können ihnen gern helfen.

Der Ausländer glotzt ratlos.

Der Kantige, inzwischen ebenfalls ausgestiegen, neben dem Fahrzeug stehend, durch das offene Beifahrerfenster: Versteht er nichts?

Der Korpulente: Nee, der kapiert nicht, scheint blöd zu sein. Was machen wir mit dem? Zum Ausländer, betont langsam: Wir wollen ihnen keine Schwieregkeiten bereiten. Wir wollen ihnen helfen. H - e - l - f - e - n!

Der Ausländer greift in seine Tasche und zieht verlegen grinsend seinen Geldbeutel heraus. Er übergibt den Inhalt dem Korpulenten.

Der Korpulente zu seinem Kollegen: Er versteht - jetzt versteht er zu gut. Der ist wirklich blöd! Zum Ausländer: Und nun machen Sie daß Sie schnell weiterkommen! Passen Sie künftig etwas besser auf.

Ausländer mit kreidebleichem Gesicht, zitternder Stimme: Auf W...wiedersehen.

Aviso:
Man erkundige sich vor Fahrtantritt nach den gängigen Preisen!



Zweite Szene

Personen:
Zwei dominikanische Polizisten, einer korpulent, einer kantig
Ein Ausländer, seit etlicher Zeit in Santo Domingo wohnhaft

Nacht. Stadtteil Naco, in der Nähe des Regierungsgebäudes Huacal. Der Ausländer braust verkehrt durch eine Einbahnstraße. Plötzlich steht der korpulente Polizist am Straßenrand und winkt. Der Ausländer hält.

Der Korpulente: Wissen Sie wo sie hier fahren?

Der Ausländer, grinsend: In einer Einbahnstraße, na ja, jetzt um diese Zeit ist ja hier nicht viel los. Wissen Sie, ich kenne mich hier gut aus, ich arbeite nämlich dort im Huacal.

Der Korpulente: Was? Sie arbeiten hier? Gibt es denn so etwas?
Zu seinem Kollegen: Ich glaub, der Kerl ist besoffen!

Der Kantige: Vorsicht, man weiß nie...

Der Ausländer: Ja, ich arbeite für Ihre Regierung. Ich war mit Kollegen in der Innenstadt, bei einem Geschäftsessen. Ich arbeite gern hier, wissen Sie, mir gefallen die Leute hier, alle sind so freundlich. Ja, die Dominikaner sind sehr hilfsbereit, in jeder Beziehung.
Er streckt dem Dicken einen Geldschein hin. Ein zweiter Geldschein wandert zu dessen Kollegen: Für ihre Kinder, kaufen sie Ihnen was schönes.

Der Korpulente: Sehen Sie zu, daß Sie irgendwie aus der Einbahnstraße wieder herausfinden. Es könnte ja auch ein Unfall passieren.

Ausländer: Ja, ja, ich gebe schon acht. Alles klar? Gut, dann gute Nacht und vielen Dank.

Die beiden Polizisten: Gute Nacht und gute Fahrt.

Aviso:
Die dominikanische Straßenpolizei ist in der Regel immer hilfsbereit.



Vierte Szene

Personen:
Ein junger Polizist
Ein Ausländer, auf Besuch in Santo Domingo

Nachmittag. Der Ausländer kurvt mit einem Leihwagen die Av. 27 de Febrero entlang. Der Polizist steht am Straßenrand und winkt.

Polizist, furchterregend blickend: Mein Herr, Sie fahren mir zu auffällig. Ihre Papiere!

Ausländer, in gebrochenem Spanisch: Papiere, Papiere? Warum? Nix Papiere, fahre ich in supermercado, nix Papiere!

Polizist springt behende auf die Beifahrerseite, reißt die Tür auf und setzt sich in den Wagen: Wir fahren jetzt sofort zum Polizeipalast. Sie fahren ohne Papiere, dafür werden Sie bestraft, schwer bestraft!

Ausländer: Nix palacio, supermercado!

Polizist: Fahren Sie los!

Ausländer fährt los, gestikuliert: Supermercado, später palacio!

Polizist: Erst zum palacio, dann zum supermercado!

Ausländer: Supermercado, einverstanden?

Polizist: Verstehen Sie denn nicht? P - a - l - a - c - i o!

Ausländer: Warum palacio? Nix gemacht! Supermercado!

Polizist: Das werden wir ja sehen, ob Sie nichts gemacht haben. Fahren Sie zum palacio!

Ausländer kurvt durch die Straßen, schweigt. Hält schließlich vor dem großen Supermercado Nacional.

Polizist: Was machen Sie?! Wo wollen Sie hin?! Ausländer: Supermercado! Steigt aus. Läßt den Polizist allein im Auto zurück. Polizist, verzweifelt: Hierbleiben, zum palac... Stöhnt, wischt sich den Schweiß von der Stirn, steigt ebenfalls aus. Ausländer, im Weggehen, sehr freundlich: Auf Wiedersehen!

Polizist, ebenfalls freundlich, leicht den Kopf schüttelnd: Auf Wiedersehen! Aber schließen Sie doch Ihren Wagen ab; es könnte etwas gestohlen werden!

Aviso:
Man darf sich nicht nur unschuldig fühlen, man muß es auch wirklich sein!