Wenn es regnet, geht das Licht aus

Von Tiefkühltruhen, Waschmaschinen, Lichtschaltern und Wasserspülungen

Dorthin, wo es wirklich interessant ist, kommen Touristen sowieso nicht - das zumindest behaupten die im Land ansässigen Ausländer. Und sie bedauern die Touristen, denn kaum haben diese sich an Klima, Essen, Rum und Merengue gewöhnt - müssen sie auch schon wieder nach Hause.

Das ist eine Seite der Medaille. Die Touristen werden natürlich auch beneidet: Sie sehen das Land fast immer nur von der Sonnenseite; und kaum merken sie etwas von seinen Problemen - schon dürfen sie wieder nach Hause! Die Wahl-Dominikaner dagegen müssen sich gedulden, dürfen sich über das miese Fernsehprogramm aufregen, über die Politiker schimpfen und sich mit Zoll, Finanzamt und ihren ach so unzuverlässigen Geschäftspartnern abplagen. Sie dürfen sich außerdem über die Fähigkeiten der Mechaniker und Elektriker wundern oder während eines Regengusses feststellen, daß ihr soeben repariertes Hausdach immer noch nicht dicht ist. Und vor allem dürfen sie sich mit den apagones, den Stromabschaltungen herumquälen.

"No hay luz", (Es gibt kein Licht) sagen die Dominikaner, wenn es plötzlich dunkel wird. Kein Stadtteil bleibt davon verschont, wenngleich sich hartnäckig das Gerücht hält, daß in Gegenden, in denen "hohe Tiere" wohnen, der Strom nie wegbleibt. Paradoxerweise kümmert es die "oberen Zehntausend" sowieso kaum, wieviel Strom die Elektrizitätswerke produzieren, denn sie besitzen einen eigenen Stromgenerator, eine planta eléctrica. Angenommen Sie spazieren als unbedarfter Tourist durch eines der Villenviertel Santo Domingos, so können sie leicht festzustellen, ob dort gerade Stromausfall ist. Denn die plantas eléctricas sind Aggregate mit Dieselmotoren, die in den Gärten oder Hinterhöfen vor sich hinrattern und -qualmen - unüberhörbar, nicht zu ignorieren! Ausländer, die länger im Land leben, besitzen natürlich auch ein Aggregat - denn schließlich gehören sie in der Regel zu den Privilegierten. Und auch die größeren Hotels haben ihre planta; von kurzen Stromausfällen merken die Touristen so gut wie nichts. Die wirklich Leidtragenden sind die einfachen Dominikaner; die Arbeiter, Angestellten, Bauern, kleinen Händler, Gelegenheitsarbeiter, Arbeitslosen.

Was aber geschieht, wenn es einmal einige Tage durchregnet? Denn das kommt vor; jeder Reiseführer erwähnt die offiziellen Regenzeiten. Stromausfälle in der Regenzeit sind besonders gefürchtet. Die anhaltende Feuchtigkeit zaubert Kurzschlüsse in die Leitungen und sorgt für Ausfälle ganzer Kraftwerke. Dauern apagones zu Normalzeiten schon zwei bis drei Stunden, so kann der Strom in der Regenzeit gleich mehrere Tage ausbleiben!

Ein Stadtteil nach dem anderen versinkt dann in der Dunkelheit; oder sagen wir besser: im Mittelalter. Schon nach einem Tag wird in vielen Haushalten, vor allem in den Hochhäusern, das Wasser knapp, denn die Wasserpumpen stehen still. Die eisernen Reserven in den Eimern und Wannen, die zu jedem ordentlichen dominikanischen Haushalt gehören, sind bald aufgebraucht. Aus den Tiefkühltruhen in den supermercados dringt der Geruch von faulendem Fleisch; in den Restaurants wird die cervesa lauwarm serviert; Friseursalons, kleine Autowerkstätten und Zahnärzte müssen schließen. Schließlich gibt es an den Tankstellen keinen Sprit mehr, weil ja auch dort die Pumpen nicht mehr laufen. Die Folge davon ist, daß immer weniger Busse und carros públicos fahren. Also kommen die Leute nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle; die Kinder kommen nicht mehr in die Schulen. Selbst das gigantische Laserlicht am Kolumbusmausoleum, dem berühmten Faro a Colón erlischt! Zu guter Letzt stellen selbst die größeren Betriebe ihre Produktion ein, die Krankenhäuser verschieben ihre Operationen und sogar in den großen Hotels wird es finster. Einzig und allein die Telefone laufen weiter, weiß der Kuckuck warum, aber das Telefonsystem ist bislang noch nie in Mitleidenschaft gezogen worden, ganz gleich wie lange ein apagón gedauert haben mag.

Geht der apagón länger als zwei Tage, wird die allgemeine Stimmung kritisch. Auch die Reichen - ob Dominikaner oder Ausländer - sind mehr und mehr betroffen. Meistens reicht der Dieseltreibstoff in den Haushalten nur für zwei Tage; immer mehr plantas stehen still. Dann wird herumtelefoniert: Habt ihr noch Diesel? An welcher Tankstelle bekomme ich noch eine Gallone? Wie gut isoliert eure Tiefkühltruhe, kann ich dort Fleisch zwischenlagern? Ich habe keine Batterien mehr für mein Kofferradio, habt ihr welche für uns übrig?

Am dritten Tag ist die Stimmung gereizt. Man flucht über die Regierung, die nichtsnützige staatliche Energiegesellschaft und die unfähigen Techniker. Ausländer träumen von ihren Heimatländern, Dominikaner träumen von Miami oder New York - paradiesischen Gefilde, wo immer der Strom fließt, ganz gleich wann man den Schalter tippt!

Und plötzlich kursiert das Gerücht, im Stadtteil nebenan gibt es schon wieder Strom! Nein, es war nur ein kurzes Aufflackern der Glühbirnen; nicht einmal zwei Minuten hat es gehalten!

Doch dann läßt der Regen nach. Die Sonne drückt durch, eine erbärmliche Schwüle schiebt sich in die Häuser. Endlich geht das Licht wieder an. Die Radios und Fernsehapparate plärren los, in den Spülkästen der Toiletten gluckert fröhlich das Wasser, und alles jubelt: "Volvió la luz!" (Das Licht ist wieder da!) Doch wehe dem, der vergessen hatte, seine high-tech Stereoanlage oder Ultra-Energie-Spar- Waschmaschine während des apagón auszuschalten: Wenn der Strom zurückkommt, jagt er mit bis zu 3000 V aus der Steckdose und verwandelt die teuren Gerät in Elektronikschrott!

Das Leben normalisiert sich rasch, ein Stadtteil nach dem anderen kommt wieder ans Netz. Der Ärger ist bald vergessen. Der Alltag kehrt zurück - mit nur noch kleinen Abschaltungen von zwei oder drei Stunden am Tag. Und bis zur nächsten Regenzeit ist es weit. Vielleicht geschieht ja doch noch ein Wunder und die Stromversorgung bessert sich bis dahin?

Die Regenzeit ist vorbei. Die Sonne brennt gnadenlos auf die Insel der Palmen. Die Dominikaner stöhnen "Que calor!" (Welch Hitze!) und die Touristen holen sich trotz Faktor-8-Sonnencreme eine rote Haut. Energie gäbe es in Hülle und Fülle. Irgendwann einmal wird das Wort apagón aus der Alltagssprache der Dominikaner verschwinden, da bin ich sicher. Nur wann das sein wird, das wage ich nicht zu prophezeien!