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R. Thum

Wiedersehen mit Santo Domingo

Eindrücke einer Reise in die Dominikanische Republik im Frühjahr 1998

 

Solarboote im Nationalpark Los Haitises?

Nein, es gibt sie noch nicht, aber es könnte sie geben. Und nicht nur in den Haitises, sondern auch auf dem Lago Enriquillo, in der Bucht von Sosúa, in Boca Chica, auf dem Lago Oviedo, auf Stauseen und Flüssen. Photovoltaisch angetriebene Boote hätten den Vorteil, praktisch keinen Lärm, keine Abgase und keinen Wellenschlag zu verursachen - und obendrein keinen Sprit zu fressen. In Serie hergestellt könnten solche Boote nur unwesentlich mehr kosten als konventionelle Boote der gleichen Größe. Für Touristen wären Ausflüge in die Nationalparks sicher interessant, da sie von einem still dahingleitenden Solarboot Flora und Fauna besser beobachten könnten als von einem knatternden und stinkenden Motorboot. Und obendrein wären solche Ausflüge auch erholsamer.

Mit meiner Idee, ein an der FH Konstanz entwickeltes Solarboot in der Dominikanischen Republik vorzustellen, lief ich deshalb offene Türen ein. Zwar gab es die üblichen Anlaufschwierigkeiten, da ich geraume Zeit benötigte von Deutschland aus die richtige Kontaktperson zu finden, die uns vor Ort die Projektvorstellung organisierte, bei der Präsentation selbst saßen dann aber gut 30 Leute aus Regierung, Nationalparkverwaltung, Universitäten und anderen Organisationen, nebst dem deutschen Botschafter und interessierten Geschäftsleuten im Publikum. Mehr noch, es gab weitere Gespräche nach der Präsentation und konkretes Interesse, ein gemeinsames Projekt in Angriff zu nehmen, bei dem ein Prototyp entwickelt und im Einsatz getestet werden soll.

Ob ein lautlos und gemächlich fahrendes Boot bei den dominikanischen Bootsbetreibern aber jemals ankommen wird, weiß ich nicht. Diese Muchachos, die heutzutage mit ihren Motorbooten die Touristen z.B. durch die Mangrovenwälder der Haitises transportieren oder zur Insel Saona hinausfahren, sind sehr darauf erpicht, bei ihren Fahrten die Motoren aufheulen zu lassen, mit "vollem Rohr" über das Wasser zu reiten, meterweit über die Wellen zu fliegen, um danach mit größtmöglicher Gewalt auf dem Wasser aufzuklatschen, damit die verstörten Touristen richtig naß werden. Kaum einer der Touristen beschwert sich über die Raserei, will man sich ja vor seinen Mitreisenden und Landsleuten und schon gar nicht vor den "Domis" eine Blöße geben und Furcht zeigen. Und vielleicht gefällt's ja dem einen oder anderen Touristen wie es da so schäumt und spritzt? Aber selbst wenn sich jemand beschwert - den Muchacho wird das nicht beeindrucken, er wird weiter Gas geben und ein ironisches Grinsen aufsetzen. Im Land des Machismo wird es sicher sehr schwer fallen, solche "altbewährten Gebräuche" abzuschaffen. Mag sein, daß es gelingt, den Muchachos klar zu machen, daß ein Solarboot etwas besonders ist, etwas besonders männliches nämlich, und daß es Ansehen und obendrein gutes Geld bringt. Mag aber auch sein, daß dies nicht gelingt und daß selbst in 100 oder gar 1000 Jahren immer noch laute Motorboote durch die Nationalparks knattern, selbst wenn sie die einzigen Motoren auf der Insel wären, die noch mit "gasolina" liefen. (Was sie sicher zu einer ganz speziellen Attraktion machen würde, da sie dann echte Museumsstücke wären!).

Nachtrag: Inzwischen schreiben wir 2001 und das Projekt ist tatsächlich zustande gekommen. Die Nationalparkverwaltung der D.R. hat großes Interesse an der Solarboottechnik gezeigt und das Vorhaben gesponsert. Einige Ingenieure und Praktikanten aus Konstanz sind dabei - zusammen mit der Universidad Autónoma de Santo Domingo und einem Bootsbauer vor Ort - einen Prototypen zu entwickeln. Wir werden sehen, ob das Fahrzeug eines Tages wirklich vom Stapel läuft.

Nachtrag Sommer 2002: Was daraus geworden ist - leider nichts! Nachdem erwähnten guten Start, kam das Projekt zum Erliegen, vor allem weil der dominikanische Partner, ein Herr, der sich Dekan des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften der UASD schimpft, einen Teil der Gelder, die die Nationalparkverwaltung zur Verfügung gestellt hat, veruntreute. Da mittlerweile bei der Parkverwaltung eine neue Leitung inthronisiert wurde, die andere Prioritäten setzt, wurde die Unterschlagung nicht verfolgt. Das halbfertige Boot verottet derweil irgendwo. Die FH Konstanz hat inzwischen die Kooperation mit der UASD eingestellt.

 

Telefonieren

Der Telefonapparat im Foyer unseres Hotels gleicht mehr einer mechanischen Rechenmaschine aus den frühen 60er Jahren denn einem Telefon. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das Gerät als ein Münztelefon - aha! - deshalb der monströse Leib des Ungeheuers, muß es doch fähig sein, viele Geldstücke zu schlucken. Das Biest frißt auch tatsächlich pro 2-minütigem Gespräch einen Peso (rund 10 Pfennig). Dieses Peso-Stück schiebt man vor dem Wählen in einen Schlitz, tippt dann die Rufnummer ein, wartet, bis der Gesprächspartner sich meldet ("Hola...") und drückt hernach auf einen weiteren Knopf, welchselbiger das Geldstück in das Kasteninnere weiterbefördert. Sodann darf man das Gespräch beginnen: "Hola, buenos días..." Vergißt man zu drücken, oder drückt man ein Sekündchen zu spät - schwupps ist das Gespräch wieder unterbrochen. Das Geldstück aber mag wieder herauspoltern, es mag aber auch in den Kasten entschwinden, gleich wie es ihm beliebt. Man darf sich freuen und mit der Prozedur von neuem beginnen.

Leider - oder zum Glück - funktioniert die telefonische Dampfmaschine nur bei Ortsgesprächen, genauer gesagt, bei Gesprächen ohne Vorwahl. Da auch bei den Dominikanern inzwischen Mobiltelefone üblich sind, diese aber nur mit einer Vorwahl (einer 1 vor der Rufnummer) angewählt werden können, taugt der Dinosaurier nur wenig. Für Ferngespräche bietet das Hotel ein zweites, modernes Gerät. Dieses ist derart modern, daß es im Büro des Hotelverwalters eingeschlossen ist und man nur mit Erlaubnis des Hotelpersonals drankommt! Wer aber denkt, das Gerät hätte einen Gebührenzähler oder der Gast dürfe gar gewisse Gespräche umsonst führen, der irrt. Dieses Gerät funktioniert nur mit "tarjeta", also Telefonkarte. Selbige erwirbt man in einer "farmacia" (Apotheke, Drogerie) - und sie kostet, je nach gespeicherten Einheiten, zwischen 50 und 200 Peso. Nun gut, 100 Peso mögen sich lohnen, will man vielleicht ja auch einmal nach Alemania telefonieren.

Der Wahlvorgang mit der Karte aber wird zum Alptraum: Auf der Karte steht eine Geheimnummer, ein "código", der erst - gleichsam wie bei einem Los - freigerubbelt werden muß. Und eine Lotterie ist das Telefonieren mit der tarjeta wirklich, denn dieser código funktioniert oder auch nicht! Zunächst wählt man eine 3-stellige Zahl, nämlich die Nummer der Firma, die die Karte produziert hat, z.B. 311 für CODETEL oder 611 für Tricom. Dann meldet sich eine Stimme (weiblich, deutlich, höflich) und bittet um Eingabe der Geheimnummer. Wer sich bei der Eingabe dieser 10 bis 12-stelligen Zahl vertippt, hört wieder eine Stimme, die mitteilt, die Nummer sei nicht korrekt, man solle es erneut versuchen. Wenn es dann klappt, sagt einem die Stimme, wieviele Peso noch auf der Karte sind und daß man nun endlich die Rufnummer wählen darf. Ist dieses geschehen, plappert die Stimme nochmals und teilt nun mit, wie lange das Gespräch dauern darf. Nun endlich kommt das Frei- oder auch Besetztzeichen! Nicht selten aber wird dem Gesprächswilligen nach der Eingabe des código mitgeteilt, dieser sei falsch oder die Karte sei abgelaufen, obwohl die Karte neu ist oder sich noch genügend Einheiten darauf befinden müßten. Das ist dann Schicksal! Und dieses Schicksal schlägt oft und erbarmungslos zu. So oft und so erbarmungslos, daß die Dominikaner solche Karten eigentlich nur im allergrößten Notfall kaufen.

Die Mobiltelefone in der Dominikanische Republik heißen übrigens "celular" und müssen - will man mit ihnen nicht nur empfangen, sondern auch selbst anrufen - wiederum mit einer tarjeta geladen werden. Clevere Dominikaner besitzen zwar ein celurar aber nur mit einer tarjeta, die so gut wie abgelaufen ist, also eine, mit der sie allenfalls ihren Gesprächspartner anrufen können, um ihm mitzuteilen, er möge zurückrufen, denn "mi celular va a acabarse pronto" (mein Celular ist so gut wie leer). Da Opfer mag dieses Spielchen mitmachen, er kann aber - sofern er ebenfalls Celuar-Besitzer ist - einfach antworten: "Lo siento, el mío tambien." (Bedauere, meines auch). Wie es dann weitergehen mag, überlasse ich der Phantasie des Lesers.

 

Stromversorgung

Nichts ist besser geworden, seit dem Verfassen der Schilderung "Wenn es regnet, geht das Licht aus" vor nun schon gut 4 Jahren. Im Gegenteil: Die Situation ist derart dramatisch, daß "apagones", also Stromsperrungen, von 6 bis 8 Stunden pro Tag zur Normalität geworden sind. Entsprechend ist die Dezentralisierung (ein ekelhafter Ausdruck, aber einen besseren finde ich nicht) der Stromerzeugung weiter vorangeschritten. Nun wird die dezentrale Produktion von Strom bzw. Energie aus regenerativen Quellen von weitsichtigen Menschen - bzw. solchen, die sich dafür halten - auch bei uns befürwortet, nach der Devise: Jedem seine Photovoltaik-Anlage aufs Dach, jedem sein Windrad in den Garten! Diese Idee ist vor dem Hintergrund einer irgendwann eintretenden Verknappung von Erdöl, Erdgas oder auch Uran sowie aus Umweltschutzgründen sicher sinnvoll - die Dominikaner sind aber von einer ökologisch verträglichen und nachhaltigen Energiewirtschaft noch Lichtjahre entfernt: Solaranlagen sind noch zu teuer, Windkraftanlagen existieren allenfalls zu Testzwecken, also stinken, qualmen und knattern immer mehr große und kleine Diesel-Aggregate in den Hinterhöfen, Vorgärten, Dächern oder auf den Straßen vor sich hin, vermehren den CO2- und Rußgehalt in der eh schon belasteten Luft und erleichtern ihre Besitzer um viel, viel Geld. Denn die Dinger fressen nicht nur Unmengen Sprit, nein, sie brennen auch laufend durch. Geht ein apagón länger als fünf oder sechs Stunden, laufen die Geräte heiß und krepieren - oft mit einem lauten Knall und einem letzten Ausstoß einer besonders fettigen Rußwolke. Zwar könnte der Besitzer das Gerät zwischendurch ausschalten, damit dieser Effekt nicht eintritt, doch er wird dies in der Regel nicht tun, denn es könnte ja sein, daß der apagón doch nicht ganz so lange dauert oder daß die Teufelskiste dieses Mal durchhält.

Eine andere Art, zu Energie zu kommen, sind Batterien (sog. Inverter), die "vollgepumpt" werden, solange es Strom gibt und die während eines apagón immerhin für Licht, Fernseher (ungeheuer wichtig!) und Weiterlaufen des Kühlschranks sorgen. Wenn allerdings jeder Haushalt solche Batterien besitzt, spart der Stromerzeuger, die bislang noch staatliche Gesellschaft CDE, durch ihre apagones nicht viel: Während der Zeit, in der der Strom fließt, wird umso mehr verbraucht. Konsequenz: Die apagones werden immer länger!

Möglich, daß die geplante Privatisierung der CDE irgend einen Fortschritt, vielleicht sogar die Lösung des Problems mit sich bringt. Anhänger der derzeitigen Regierungspartei sind zumindest zuversichtlich - wie es in der Vergangenheit stets die Anhänger der jeweiligen Regierungspartei waren, denn jede Regierung versprach, die Stromversorgung zu verbessern. Irgendwie aber steckt die CDE in einem Teufelskreis, aus dem wohl auch die Nachfolgegesellschaft nicht so ohne weiteres herauskommen wird: Die Stromversorgung ist mies, ohne Zweifel, und deshalb denken viele Dominikaner, sie bräuchten für das miese Produkt auch nichts zu bezahlen. Also wird der Strom illegal von den Überlandleitungen abgezapft - eine Unsitte, die nicht nur in Armenvierteln verbreitet ist - was wiederum zu Überlastungen der Leitungen und Kurzschlüssen führen kann. Nicht selten gleicht das Kabelgewirr auf den Strommasten regelrechten Spinnennetzen, Filzknäueln oder Lianengeflechten - und so mancher coole Muchacho, der zu den zig Kabeln noch ein zig-plus-erstes hinzufügen wollte, büßte seine Klettertour auf den Mast mit seiner Gesundheit oder gar dem Leben. Das illegale Stromabzapfen jedenfalls ist einer der Gründe, warum die CDE auf keinen grünen Zweig kommt: nicht nur, weil ihr Gebühren entgehen, sondern auch wegen der Kosten der ständig notwendigen Reparaturen an den Leitungen und Masten.

 

Müll

Beim Parkplatz vor dem Balneario La Toma bei San Cristóbal, dem sog. Waldschwimmbad, kehren Arbeiter das Laub aus dem Wald - und lassen den Plastikmüll liegen!

Diese Beobachtung reizt mich zur Theorie, daß viele Dominikaner Laub und Äste als Schmutz ansehen, Plastik und sonstiger Zivilisationsmüll dagegen nicht. Die Theorie wird von keinem im Land ansässigen Deutschen und auch keinem Dominikaner, mit dem ich über das Müllproblem rede, ernsthaft widersprochen! Vor allem der Styropor-Müll - Fastfood-Verpackungen, Trinkbecher - der an allen Straßenrändern, in Parks, öffentlichen Stränden, in Flüssen und Bächen, und überhaupt überall im ganzen Land fein säuberlich verteilt herumliegt, mag für viele Dominikaner ein Symbol des Fortschritts sein. Sind doch die Zeiten von unhygienisch verdrecktem, schlecht gespültem Geschirr und der damit verbundenen Infektionsgefahr vorbei! Dumm nur, daß die Ausländer, die früher über schmutziges Geschirr gemeckert haben, sich jetzt über den Styropor-Müll in der Landschaft beklagen.

Aber in der Tat: Wohin mit all dem Styropor? Die Müllabfuhr funktioniert so oder so nicht: Sie kommt viel zu selten, der Müll der Haushalte türmt sich eh schon auf den Straßen. Und wenn dann endlich ein Müllauto vorbeikommt, wird oft nur die Hälfte des Drecks mitgenommen, denn der Wagen ist gar zu schnell gefüllt. Außerdem gibt es fast keine Deponien mehr. Und nun kommt täglich eine Unzahl Styropor-Unterteller und Styroporbecher dazu. Ich schätze pro Tag bis zu einer halben Million, da ein Großteil der berufstätigen Dominikaner in den Großstädten, aber auch viele Schüler und Studenten mindestens einmal pro Tag in einem Schnellrestaurant, Straßencafé oder an einem Straßenstand essen oder zumindest einen "refresco" trinken. Was bleibt, als all das Zeug einfach liegen zu lassen oder irgendwie selbst zu verbrennen. Das private Müllverbrennen hat Tradition, wird nicht als sehr störend empfunden. Jahrhundertelang haben die Dominikaner ihren Müll - sofern er nicht im Tropenklima sowieso rasch verweste - abgefackelt. Bei Kokosnußschalen, Palmblättern oder trockenem Laub war das ja auch kein Problem. Doch wer sagt den Leuten, das schmorendes Styropor und schmelzende Plastikfolien eine Gefahr darstellen? Und wenn es ihnen jemand sagt - werden sie es glauben?

Am Strand von Nizao beobachte ich einen Dominikaner, der dort das Osterpicknick für seine Familie vorbereitet und ein Feuerchen für seinen Kochtopf anzündet. Fein säuberlich hat er Palmblätter und Äste aufgeschichtet, und als Zunder dienen ihm ein klein gerissener Styroporteller, Plastiktüten und Zeitungspapier. Das Styropor will nicht richtig brennen, eifrig bläst er auf die schwelenden Kunststoffschnippel...

Allerdings sollten wir Deutsche nicht voreilig über das Verhalten der Dominikaner urteilen. In Deutschland werden z.B. jährlich 450.000 t Müll wild in die Landschaft geworfen. Das sind immerhin knapp 6 kg pro Bundesbürger. Wenn die Landschaft bei uns dennoch optisch "rein" wirkt, so deshalb, weil mit Steuergeldern dieser Müll regelmäßig eingesammelt wird. Die Säuberungsaktionen finden vor allem im Frühjahr statt - achten Sie doch bitte einmal in den Monaten Februar oder März auf den Zustand der sog. Grünstreifen entlang unserer Straßen (vor allem der Fernstraßen und Autobahnen) oder schauen Sie sich einmal in Ihrem Stadtpark oder Stadtwald um: den Müll, den Sie herumfahren sehen, denken Sie sich dann verdreifacht, verfünffacht oder verzehnfacht (d.h. Sie denken sich, daß dieser Müll drei, fünf oder zehn Jahre von niemanden aufgesammelt wird) - und schon haben Sie Verhältnisse, die denen in der Dominikanischen Republik in nichts nachstehen! Und auch mit dem sachgemäßen Verbrennen von unserem Wohlstandsmüll nehmen wir es nicht so genau: Der sog. "Hausbrand" (Heizungen, Kachelöfen, Gartenfeuerchen) setzt bei uns weitaus mehr giftige Dioxine in die Umwelt frei als die vielgeschmähten Müllverbrennungsanlagen (die ihre Grenzwerte streng einhalten müssen). Genau wie die Dominikaner verkokeln auch die Deutschen Kunststoffmüll, Autoreifen, bunt bedrucktes Papier und feuchte Gartenabfälle - nur tun sie es heimlich, weil sie im Gegensatz zu den Dominikanern meistens genau wissen, daß sie etwas Verbotenes tun!

 

Müll in der Politik und anderes Makabere

Als nur fünf Tage vor der Wahl des Bürgermeisters von Santo Domingo der Kandidat des PRD (Partido Revolucionario Dominicano, sozialdemokratisch), Dr. Peña Gomez, an einem Krebsleiden stirbt und der amtierende Präsident der Dominikanischen Republik, Dr. Leonel Fernández, PLD (Partido de la Liberación Dominicana, eine Abspaltung des PRD), dem im Olympiastadium, S.D., aufgebahrten Toten die letzte Ehre erweisen will, wird er von PRD-Anhängern beschimpft und beworfen. Und womit wird er beworfen? Mit "vasos de plástico" - also Plastikbechern. Die Aktion wird von der Presse als "einmaliger Skandal" gebrandmarkt; führende PRD-Politker entschuldigen sich vehement für die Untaten. Aber immerhin, es waren nur "vasos de plástico", die da auf den Präsidenten niederprasselten. Die Plastikflut hat also auch ihr Gutes. Nicht auszudenken, wenn stattdessen Gläser geflogen wären!

Übrigens fand die Wahl wie geplant statt, trotz des Todes des Spitzenkandidaten des PRD. Ein Ersatzkandidat wird vor der Wahl in der Kürze der Zeit nicht benannt! Vielleicht war dies die erste und einzige Wahl auf der Welt mit einem toten Kandidaten? Peña Gómez, der es vor allem wegen seiner schwarzen Hautfarbe und haitianischer Abstammung nie geschafft hatte - trotz mehrerer Kandidaturen - Präsident zu werden, ja der von seinen beiden Erzfeinden Balaguer und Bosch 1994 sogar um seinen Wahlsieg betrogen worden war, dieser Mann wird nun posthum von seinen früheren Gegnern zum "politischen Heiligen" erklärt. Die drei Tage staatlich verordnete Staatstrauer wurde peinlichst eingehalten; drei Tage Staatstrauer, das bedeutete für die Dominikaner drei Tage ohne Merengue, ohne Feste, ohne Tanz, ohne Glücksspiel und ohne Hahnenkampf! Die Partei von Peña Gómez gewann schließlich auch die Wahl - wie sollte es anders sein! Zum Síndico, also Bürgermeister von S.D., wurde schließlich ein gewisser Johnny Ventura ausgerufen. Ob dieser identisch ist mit dem bekannten Merengue-Sänger, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen.

 

Verkehr

Zum Frühstücken gehen wir in Santo Domingo ins Café-Restaurant "Villar" in der Av. Independencia. Dort speisen Dominikaner morgens ihren Yuka-Brei, ihre Spaghetti oder ihr gegrilltes Huhn, Gringos aber bekommen auch Brötchen, Croissants oder Kuchen.

Die Independencia ist eine der verkehrsreichsten Straßen der Stadt. Nur zweispurig und Einbahnstraße Richtung Zentrum, links und rechts ein kleiner Gehweg, über weite Strecken noch gesäumt von Akazienbäumen und kleinen Wohn- oder Geschäftshäusern - oft mit Gärten - könnte diese Straße eigentlich eine sehr ruhige sein. Aber nein, sie ist laut, brüllend laut! Ein Großteil des LKW-Verkehrs quält sich durch die Independencia: LKWs der Marke "Mack", riesige Trucker mit monströsen Auspuffen, die wie Fabrikschornsteine neben dem Fahrerhaus in die Höhe ragen und dunkle Rußwolken in die Baumkronen schleudern; oder kleinere Camionetas, kleppernd und ratternd, nicht minder stinkend wie die großen Brüder. Doch nicht genug: Durch die Independencia zieht sich auch der Strom der stadtwärtsfahrenden Busse und Collectivos, letztere in S.D. verächtlich auch Conchos genannt. Diese verbeulten Rostlauben kriechen wie urtümliche Echsen vor-, hinter- und nebeneinander durch die Straße und röhren aus ihren "kreolischen" Auspuffen wie brünftige Hirsche. Somit wird das Frühstück im Villar zum synästhetischen Erlebnis, zumal das Café sich direkt an einer ampelgeregelten Kreuzung befindet: Nicht nur der Gaumen hat seine Freude, auch Augen, Ohren, Nase (beim Anfahren an der Ampel stoßen die Trucks Ruß von besonderer Qualität aus), ja sogar der Tastsinn (dank der Erschütterungen bei vorbeirollenden Riesentrucks) kommen auf ihre Kosten!

Doch nicht allein der Verkehr in S.D. hat zugenommen, ist hektischer und chaotischer geworden. Im ganzen Land spürt man die Zunahme der Fahrzeuge, ob Privat-PKWs, LKWs oder Motorräder. In den letzten 10 Jahren wurden immerhin viele Landstraßen endlich durchweg asphaltiert oder verbreitert. Es gibt nun sogar drei autobahnartige Pisten von S.D. aus: Nach Norden, durchweg vierspurig bis Santiago, nach Westen vierspurig bis kurz hinter San Cristóbal und nach Osten die alte, "klassische" Autopista Las Americas bis Boca Chica. Absurderweise dürfen LKWs die neue Autobahn Richtung Westen nicht benutzen. Der Schwerverkehr von S. D. nach Baní, Azua, Barahona usw. wälzt sich immer noch den Malecón entlang, vorbei an Bajos de Haino und durch Madre Vieja, quer durch die Kleinstadt San Cristóbal. Die neue Autobahn, auf der nicht einmal mehr "peaje" (Straßenmaut) zu zahlen ist, gehört den PKWs und Motorrädern (und den ganz wenigen Camionetas, die sie benutzen müssen, um ins Hinterland von San Cristóbal zu gelangen). Auf ihr entlang zu fahren ist herrlich - und dennoch sollte man genauso aufpassen wie auf allen anderen dominikanischen Straßen: Urplötzlich kommt einem ein Fahrzeug auf dem Standstreifen entgegen, gemächlich trottet ab und zu ein Maultier oder ein Hund über die Fahrbahn, Kinder benutzen die Piste als Schulweg und hemmungslos errichten Händler ihre Stände am Straßenrand, an denen natürlich auch rege angehalten wird.

An Ostern nimmt der Verkehr schier unerträgliche Ausmaße an: Am Gründonnerstag nachmittag flieht ein Großteil der Bevölkerung aus den Städten, geht an die Strände oder zur Familie aufs Land. Busse, Conchos und Camionetas sind überfüllt; auf allen Hauptstraßen bilden sich Staus. Am Karfreitag setzt sich das Chaos fort, ebbt am Samstag etwas ab und schwillt am Ostersonntag - jetzt in umgekehrter Richtung - wieder an. Ostermontag herrscht weitgehend wieder Normalzustand, da dieser Tag kein Feiertag ist. Die Dominikaner sind mit dem Verkehrsaufkommen in der Semana Santa (Osterwoche) völlig überfordert: schon Tage vorher sind die Zeitungen voll mit Ratschlägen, wann und wie und wo und warum man fahren oder nicht fahren soll, was man tun kann, wenn einem im PKW oder Bus der Hitzschlag ereilt und wie die Polizei alles fest im Griff hat und was alles getan wird, um den völligen Kollaps zu vermeiden. In der Tat, die Polizei steht an allen Ausfallstraßen der Städte und kontrolliert wie verrückt, damit sich ja keiner volltrunken ans Steuer setzt, und unzählige Rotkreuzstationen an den Autopistas mit einem Heer von hauptamtlichen und freiwilligen Helfern sorgen dafür, daß niemand in Panik gerät, wenn er eingekeilt in der Blechlawine dahinkriecht. Die Dominikaner jammern alle über den Verkehr in der Semana Santa - aber die Mehrheit stürzt sich doch in das Gewühl, das ist Tradition. Ich beneide die Dominikaner: Haben sie doch nur einmal im Jahr solche Staus auf ihren Straßen, wir in Deutschland doch an allen Wochenenden und an den Werktagen obendrein!

 

Santo Domingo platzt

aus allen Nähten! Vor zehn Jahren endete die Stadt im Westen am Flugplatz Herrera, im Norden am Parque Zoológico und im Osten irgendwo zwischen dem Bauplatz des Kolumbusmausoleums und den Tres Ojos. Damals hatte die Stadt schätzungsweise 2 Millionen Einwohner.

Und heute? Vielleicht hat die Stadt 2,5 oder 3 oder gar 3,5 Mio. Einwohner? Im Westen hat sie den Río Haina längst erreicht; bei der Finca Engombe, den Ruinen eines Gutes aus der frühen Kolonialzeit, wo einst die landwirtschaftlichen Versuchsfelder der Universität lagen und herrliche Wurstbäume am Wegesrand standen, wuchert ein neuer Stadtteil. Im Nordwesten, Richtung Autopista Duarte, wuchs die Stadt mit dem Dorf Managuyabo zusammen. Noch schlimmer ist die Entwicklung im Osten: gleich mehrere neue Stadtteile wurden entlang der Autopista Duarte und am Parque Mirador del Este hochgezogen. Los Tres Ojos liegen gerade noch am Stadtrand - doch ist abzusehen, wann der Moloch die Karsthöhlen eingeschlossen haben wird. Nur im Norden, entlang des Río Isabela, scheint sich nicht viel geändert zu haben. Aber gefehlt: Auch hier sind neue Häuser entstanden, wenngleich umgeben von großzügig angelegten Gärten und Parks, denn hierher flüchten die Reichen und Superreichen, denen es in den alten Villenvierteln Gazcue, Naco, Piantini oder Arroyo Hondo zu eng, zu laut und zu dreckig geworden ist. Außerdem bremsen der Botanische und der Zoologische Garten und nicht zuletzt ein Militärgelände und ein Golfplatz nördlich des Río Isabela das Weitervordringen der Häuserfront.

Die grauenvollste Entwicklung aber fand nicht in der Hauptstadt selbst, sondern westlich des Río Haina, zwischen Santo Domingo und San Cristóbal statt. Hinter der Brücke über den Río Haina führte die Straße früher durch Zuckerrohrfelder und - auf den Hügeln hinter Bajos de Haina - durch Obst- und Palmenplantagen. Unterbrochen wurde die Idylle nur durch die Zufahrt zu einem Kalksteinbruch und den Anblick der Kamine der Raffinerie von Bajos de Haino, die unermüdlich schwefelgelben Rauch in den Himmel bliesen. Ansonsten aber viel Grün und irgendwo inmitten der Plantagen das leuchtende Weiß einer prunkvollen Villa an einem Hang. Schließlich erreichte man eine Paßhöhe und hier oben thronte eine einsame Parada, von der die Reisenden bis San Cristóbal schauen konnten. Nach dem Paß lag linker Hand der Ort Madre Vieja. In dieser Gegend standen Buden, vor allem von Ziegenmetzgern, die am Straßenrand ihre Tiere schlachteten, abzogen und zum Verkauf anboten, aber auch Obststände mit Honig- und roten Bananen, die es nur hier gab. Nur wenige Wohnhäuser, besser gesagt Wohnhütten, reihten sich entlang der Straße, erst bei Madre Vieja wurden es einige mehr. Dann, kurz vor der Brücke über den Río Nigua, gewissermaßen am Ortseingang von San Cristóbal, hatten Reifenflicker, Auspuffhändler und Schrottverwerter ihre Läden errichtet. Hier hingen schon damals viele Muchachos auf der Straße herum, spielten Kinder in gefährlicher Nähe der Fahrbahn, lagen mehr überfahrene Hunde in den Gräben als sonstwo. Und selbst wenn Esel oder Hühner die Fahrbahn unvermittelt überquerten, wenn Collectivos jäh abbremsten, damit sich eine dickärschige Muchacha heraus- oder eine barbypuppendürre hineinzwängen konnte oder wenn rußende LKWs qualvoll langsam vor einem herkrochen - die Fahrt von S.D. nach San Cristóbal war immer ein Vergnügen.

Heute ist sie ein Horror: LKW an LKW hängt Stoßstange an Stoßstange auf der Strecke, einer lauter röhrend und übler qualmend als der andere - und man fragt sich, wo diese Rostlaubendinosaurier herkommen und wo sie hinfahren. Die Zuckerrohrfelder am Río Haino sind - bis auf klägliche Reste - verschwunden. Breite Straßen fressen sich hier durch die Ebene, hinunter nach Bajos de Haino, zum neuen Containerhafen und den immer noch sabbernden und paffenden Kaminen. Ein Wirrwarr von Reklameschilder hinter, vor und übereinander, verdeckt die Landschaft. Der ehemalige Kalksteinbruch scheint zur Mülldeponie umfunktioniert worden zu sein, jedenfalls türmt sich an der einstigen Zufahrt Bauschutt und Hausmüll. Aber vielleicht irre ich - ich hatte keine Zeit, mich genauer zu erkundigen - vielleicht hat sich hier einfach nur ein wenig mehr Müll konzentriert als sonst die Straße entlang, denn Müll liegt hier überall: Plastiktüten, Styropor (was sonst!), verwesende Küchenabfälle, aber auch Autowracks, ehemalige Motorräder, Reifen... Überall stehen Häuser, Hütten, Buden - viele davon in halbfertigem, viele in erbärmlichem Zustand. Kaum ein paar hundert Meter Straße, die noch nicht links und rechts zugebaut sind - alles deutet darauf hin, daß hier wild und unkontrolliert ein riesiges "Barrio" wächst, das vielleicht alles in den Schatten stellen wird, was in S.D. bislang so vor sich hingewuchert ist. Die Ziegenschlächter gibt es noch, ja sogar noch den Bananenverkäufer, aber man muß Glück haben, sie im Gewühl nicht zu übersehen. Die Parada auf der Paßhöhe aber ist verschwunden, dafür ist diese Stelle aber keineswegs mehr einsam, sondern überzogen mit Buden, Chimichurri- und anderen Freßständen und Klitschen, die Fahrzeuge auseinander und vielleicht sogar wieder zusammenbauen. Nur noch ein winziges Stück auf den Hügeln ist völlig frei von urbanem Wildwuchs - nämlich jene Finca mit der Prunkvilla, die immer noch über ihre Palmen und Obstbäume wacht, wenngleich nicht mehr mit der selben majestätischen Würde wie einst, hat man doch die Straßentrasse näher an die Villa herangezogen. Der absolute Alptraum aber ist Madre Vieja und die Zufahrt zu San Cristóbal: die Zahl der hin- und herschiebenden Collectivos und der sich kreuzenden, überholenden und gegenseitig behindernden Motorräder - oft mit ganzen Familien auf den Sätteln und Gepäckträgern, meist nur die Kleinkinder mit Helm - ist Legion!

 

Zu guter Letzt...

Wer schmunzelt nicht, wenn er mißglückte Übersetzungsversuche ins Deutsche entdeckt, wie z.B. Sätze wie "Der Feueralarm wird durch Telefonlinien verkündigt." oder "Bitte TV Apparat nicht übertragen." (beides kürzlich vorgefunden in einem Prager Hotel). Nichts auf der Welt ist perfekt, und sicher auch nicht die eigenen Fremdsprachenkenntnisse, warum soll es denn anderen mit dem Deutschen da besser gehen als einem selbst mit Englisch, Französisch oder Spanisch? Wenn aber eine Übersetzung derart abenteuerlich wird, wie jene, die ich auf der homepage des dominikanischen Tourismusministeriums, vorfand, die da begann mit "Geehrter geschickter Spinnwebe-Navigationsoffizier, Grüße!" hört das Schmunzeln wohl auf. Man mag darüber entweder schallend lachen oder einfach nur den Kopf schütteln, ich jedenfalls zollte dem Autor Respekt vor dem Mut, so etwas zu veröffentlichen. DieserText - mithin das Grußwort eines Ministers - stand monatelang im Netz. Inzwischen ist er leider ersetzt worden durch informative Seiten, ohne solch herrliche Stilblüten.


Weitere Erlebnisse in der Dominikanischen Republik: "Palmen, Reis und rote Bohnen" (Kostproben)


Liebe Leser,

haben auch Sie amüsante oder nachdenklich stimmende Erfahrungen in der Dominikanischen Republik gemacht? Wollen Sie einen Kommentar zu meinen Schilderungen loswerden? Dann schreiben Sie mir ein e-mail.


 

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