Von nachhaltiger Entwicklung nachhaltig entfernt! - Bemerkungen über die Energieversorgung in der Dominikanischen Republik

Rolf Thum, Koordinierungsstelle Forschung der Fachhochschulen in Baden-Württemberg

(veröffentlicht in der Zeitschrift horizonte, Ausgabe 19, Dezember 2001)


Während wir in den Industrienationen darüber diskutieren, wieviel CO2-Emissionen sich durch Kraft-Wärmekopplung, Brennstoffzellen oder den Stirling-Motor einsparen lassen oder ob sich der Wirkungsgrad eines Motors durch Reibungsminderung am Zylinderkopf um ein paar Prozent erhöhen läßt, haben andere Länder völlig andere Sorgen. Beispielsweise die Dominikanische Republik, ein sonnenverwöhntes Land in der Karibik und seit Jahren eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen, (schätzungsweise 10 % der Deutschen haben dort schon mindestens einmal ihren Urlaub verbracht). Dieses Land hat es im Verlauf seiner Geschichte noch nie geschafft, den Bedarf an elektrischer Energie zu decken. Dabei gab es durchaus Versuche, eine langfristige Energiestrategie zu entwickeln [z.B. 1] und auch Phasen, in der die Stromversorgung fast lückenlos gewährleistet war. Die meiste Zeit über aber beherrschen sog. „apagones" - Stromsperren - das tägliche Leben. Solche apagones dauern vielleicht ein oder zwei Stunden pro Tag, weiten sich aber gelegentlich auch zu acht, zehn oder zwölf Stunden pro Tag aus oder dauern in Extremfällen sogar Tage. Betroffen sind alle Landesteile, die Provinz vielleicht stärker als die Hauptstadt Santo Domingo und dort die Viertel der Armen vielleicht etwas mehr als die der Reichen. Bewiesen ist letzteres aber nicht. Im Sommer 2001 erreichten die Stromabschaltungen in vielen Landesteilen eine derartige Häufigkeit, daß es zu Unruhen und der Androhung eines Generalstreiks kam - worauf die Regierung Ende August eine Nachrichtensperre über die apagones verhängte. Diese wurde in der Folge von der im Prinzip sehr freien Presse des Landes auch eingehalten; fortan erfuhr der Zeitungsleser nicht mehr - wie zuvor üblich - welche Orte von den Stromsperren betroffen waren und wieviele Megawatt Leistung die einzelnen Kraftwerke gerade einmal lieferten.

 

Die Ursachen

Die Ursachen für den permanenten Mangel an elektrischer Energie sind vielschichtig:

Verschärfend kam im Sommer 2001 dazu, daß private Energieversorger wie z.B. die US-amerikanische Firma Smith Enron, deren Kraftwerk in Puerto Plata fast den ganzen Norden des Landes mit Strom versorgt, ihre Produktionen drastisch drosselten. Grund war ein lang anhaltender Streit über die Auslegung eines Vertrags bezüglich der Abrechung des Stromverbrauchs des öffentlichen Sektors. Dieser Vertrag war unter der vorherigen Regierung (Präsidentschaft Leonel Fernández, Partido de la Liberatión Dominicana) geschlossen worden und wurde von der amtierenden Regierung (unter Präsident Hipólito Mejía, Partido Revolucionario Dominicano) nicht anerkannt. Die neue Regierung verweigerte die Zahlung - die Schulden beliefen sich am Ende auf ca. 14 Mio US$ - und trieb den Streit derart auf die Spitze, daß manche Regionen des Landes über Tage praktisch stromlos blieben. Statt der benötigten rund 1.800 Megawatt standen dem Land nur ca. 1.000 Megawatt zur Verfügung (Meldung in der Tageszeitung Listín diario vom 11. August). Welche wirtschaftlichen Schäden diese Machtprobe mit sich brachte, schien die Verantwortlichen wenig zu stören. So wurde der Geschäftsführer der staatlichen CDE, Cesar Sánchez, am 8. September in der Zeitung Ultima Hora wie folgt zitiert: „Lieber bleiben wir ohne Strom als dies (die angeblichen Betrügereien der privaten Stromversorger, Anm. d. Autors) hinzunehmen." Inzwischen ist man auf dem Weg, einen Kompromiß zu finden; erste Zahlungen sind wieder erfolgt. Das Grundproblem ist aber dadurch nicht aus der Welt geschafft.

Abb. 1a und b: "Leitungswirrwarr" (teilweise illegal gelegte Leitungen) in der Altstadt von Santo Domingo

Abb. 2 a, b: Moderne Gebäude in Santo Domingo; Betonbauten, die ohne Klimanalgen nicht bewohnbar sind. Die Hochhäuser rechts stehen am Malecón (Uferpromenade), ein Apartment dort soll über 1 Mio US$ kosten - angeblich waren bereits alle Wohnungen vor Fertigstellung verkauft.

 

Alternativen

Sowohl Unternehmer als auch Privatpersonen behelfen sich mit relativ archaischen Mitteln, die apagones zu umgehen:

Die genannten Methoden sind natürlich nicht dazu angebracht, die Energieversorgung nachhaltig zu verbessern, sie vergrößern eher noch das Chaos.

 

Wie aber sieht es mit dem Einsatz anderer Energiequellen aus?

Weitere Alternativen:

Abb. 3: Moderne "planta electrica" auf Dieselbasis, vor einem Schönheitssalon in Santo Domingo

 

Abb. 4: Eine "planta criolla" vor einem Fast-Food-Restaurant in der Kleinstadt Azua.
Solche Generatoren sind laut und emitieren Unmengen von Ruß und Abgasen.

 

Die Regierung setzt derweil verstärkt auf den Ausbau von kleineren Kraftwerken (von einigen zig Megawatt bis etwas über 100 Megawatt), an verschiedenen Standorten, die allesamt mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, sogar der Bau von Kohlekraftwerken (!) ist im Gespräch.

Der verstärkte Einsatz fossiler Energieträger, die dezentrale Stromversorgung mit Dieselmotoren, sowie die starke Zunahme des Individual- und LKW-Verkehrs im Land (mehr als Verdoppelung in den letzten 15 Jahren), führen zu verstärkten Emissionen, allem voran CO2, aber auch NOx oder Ruß. Zahlen hierüber liegen mir nicht vor, allerdings ist der Smog in Santo Domingo - trotz der Küstenlage und der ständigen frischen Brise, die dort weht - und in anderen Ballungsräumen mittlerweile ein nicht mehr zu leugnendes Phänomen. Man könnte zynisch werden und spotten: „Alle reden vom Treibhauseffekt - wir tun etwas dafür!"

Allerdings sollten wir vorsichtig sein, wenn wir den Zeigefinger zu sehr erheben. Ein Land mit einer Arbeitslosenquote von offiziell 25 % (tatsächlich über 40 %) und einem Bruttosozialprodukt pro Kopf und Jahr von ca. 1.900 US$ (Vergleiche: Mexico 4.400 US$, Deutschland: ca. 25.600 US$) kann auf keinem technologisch relevanten Gebiet richtungsweisend sein, auch nicht auf dem Sektor der Energietechnik und -wirtschaft, selbst wenn der „Leidensdruck" sehr hoch ist und die natürlichen Gegebenheiten (starke Sonneneinstrahlung, permanente Winde) geradezu zu einer Umstellung auf eine andere Energiewirtschaft verführen. Dazu kommt, daß nur das als Fortschritt betrachtet wird, was nördlich des Golfes von México als fortschrittlich und modern gilt: Jeder Trend wird gerne imitiert, sei es in der Mode oder Kunst, sei es im Bauwesen (Hochhäuser, Flachdachbauweise), im Verkehr (Förderung des Individualverkehrs), im Kommunikationswesen (jeder, auch noch so arme Dominikaner besitzt z.B. ein Handy, wenngleich es mancher dann mangels Kleingeld nicht nutzen kann) oder eben in der Energietechnik. Solange in den USA - aber auch den europäischen Ländern - Energiesparen keine Priorität besitzt und der Einsatz regenerativer Energiequellen nicht forciert wird, werden auch Länder wie die Dominikanische Republik keinerlei Anstrengungen unternehmen, ihre Energiepolitik zu ändern - weder was die Energieerzeugung noch die Energienutzung betrifft. So gesehen wird das Land von einer nachhaltigen Energiewirtschaft solange nachhaltig entfernt bleiben, bis sich in den Industriestaaten eine tatsächliche „Energiewende" einstellen und die Nutzung von regenerativen Energiequellen dort zu einer Selbstverständlichkeit wird.

 

Zum Autor

Dr. Rolf Thum ist seit 1988 Forschungskoordinator für die Fachhochschulen in Baden-Württemberg und Mitherausgeber der Zeitschrift horizonte. Zuvor arbeitete er zwei Jahre in einem deutsch-dominikanischen Projekt im Geologischen Dienst in Santo Domingo. Er unterhält seither intensive Kontakte zu diesem Land und ist Verfasser von zweier einschlägiger Büchern [4, 5]. 1998 initiierte er ein Projekt zwischen der FH Konstanz und Partnern in der Dominikanischen Republik zur Entwicklung eines Solarboots [6]

 

Literatur

[1] Pelleró-Aracena, F.: Energy-Environmental Long-Term Strategies for the Dominican Republic. In: Wiss. Schriften 4/127, Idstein, 1991
[2] Lauber, W.: Bauen in den Tropen - Klima und Bautypologie. In: fhk-Forum - Forschungsmagazin der FH Konstanz, S. 21 - 24, Dezember 2000 und in: horizonte 19, Dezember 2001
[3] Ericson, J. D., Chapman, D.: Photovoltaic Technology. Market, Economics and Rural Develoment. In: World Development. Vol. 23, No. 7, p. 1129-1141, London, 1995
[4] Thum, Ch. u. R. : Dominikanische Republik. Mai's Weltführer 47, 2. Auflage, 316 S., Dreieich, 1996
[5] Thum, R.: Palmen, Reis und rote Bohnen - Abenteuer und Alltag in der Dominikanischen Republik, 128 S., Hockenheim,
[6] Schaffrin, Ch., Kübler F., Thum R.: Solarboote - ein Beitrag für die Entwicklung nachhaltiger Verkehrskonzepte in Schwellenländern. In: horizonte 17, S. 29 - 30, 2000


Kontakt: Dr. Rolf Thum, Koordinierungsstelle FuE der Fachhochschulen in Baden-Württemberg, Fachhochschule Mannheim - HfTG, Windeckstr. 110, 68163 Mannheim,. Tel. 0621/292-6393, Fax. 0621/2926-6450, e-mail: thum@fh-mannheim.de, Internet: http://www.fh-mannheim.de:2000/