Auf der Post

Samstag vormittag. Wer geht da schon gerne auf die Post? Ich jedenfalls nicht - aber trotzdem finde ich mich vor einem Paketschalter wieder, notgedrungen, denn eine eilige Sendung muß noch aus dem Haus.

Vor mir nur zwei Personen: ein Herr, der etwas abholen und eine Dame, die ein Paket aufgeben will. Der Herr ist schnell bedient und ich schöpfe schon Hoffnung, die mufflige Post bald verlassen zu dürfen, doch nun wird es kompliziert. Der korpulente Mann hinterm Schalter wälzt seine Bücher. Seine Kundin ist nämlich Amerikanerin und will ein Päckchen in die Heimat schicken. In klarem, jeoch stark pfälzisch gefärbtem Englisch erklärt der Postler:

"We have three posibilities: By airplane, it is the most expensive, by ship and train, the most economic and something medium, by airplane to the United States and in the United States by train or something else. Which one do you want?"

Die Dame fragt, wie lange das im einzelnen dauert. Darauf der Postler:

"By airplane five or six days, the medium way about seven to ten days..."

O.K., die Lady entscheidet sich für "medium", worauf der Postler mit seinen Klebearbeiten beginnt. Etliche Zettel und Kontrollzettel verzieren bald das Päckchen und dann ertönt es: "It makes fiftysix Marks and fifty Pfennigs."

Erleichtert schiebe ich mich ein paar Zentimeter vor, im Glauben, nun schon bedient zu werden - aber erneut wird meine Hoffnung getrübt. Die Lady greit aus einem Ständer neben dem Schalter ein Klebeband, eine Tesarolle und einen postgelben Kugelschreiber und legt die drei Gegenstände vor den Postler, auf daß sie ihr der Postler berechne. Selbiger greift mit ausdruckslosem Gesicht die drei Waren und legt sie neben seinen Computer. Mit einem Scanner fährt er über den Barcode des ersten Artikels, dem Klebeband. Es piepst, ähnlich wie an der Kasse in einem Supermarkt, doch danach hämmert der gute Mann noch auf diverse Tasten an seinem Computer. Warum sollte es auch einfach gehen, denke ich, wenn es umständlich auch geht.

Der zweite Artikel, die kleine Tesarolle, wird vor den Scanner gehoben. Es piepst wieder und der Postbeamte betätigt seine Tasten. Doch dieses Mal scheint er mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein. Er wiederholt den Vorgang. Wieder klappt die Eingabe nicht wie gewollt; der Postler schüttelt den Kopf. Dritter Versuch! Ich zähle, wieviele Tasten der gute Mann bedienen muß: Es sind sechs! Sechs Tasten und das Scannen des Barcodes für eine kleine Rolle Tesafilm!

Um mich herum Stimmengemurmel. Ich drehe mich um - hinter mir steht ein halbes Dutzend Leute. Zwei Frauen in der Schlange erregen sich: "Des geht awer wieder iwerhaupt net weiter!" "Do steht mer sisch die Boa (Beine) in de Bauch! Wie wenn mir sunscht nix zu tu hätte" Ich versuche, zu beschwichtigen: "Der Mann kann nichts dazu... das System ist so umständlich." Eine der Frauen gibt mir recht: "Ha jo, die neumodische Compjuuter!"

Die amerikanische Lady teilt unsere Ungeduld und Verzweiflung und hebt dem Postler ein anderes Röllchen hin: "Perhaps you will try it with another one..."

Der Beamte versucht es, doch nachdem auch dieser Versuch der computerpostalischen Erfassung scheitert, schiebt der gute Mann seinen Oberkörper aus dem Schalter und ruft zu seiner Kollegin am Schalter gegenüber:

"Elfriede! Isch krieg den Artikel do net nei! Was soll isch denn mache?"

Seine Kollegin, ebenfalls mit Kunden beschäftigt, setzt einen verzweifelten Ausdruck auf und erwidert: "Isch kann dir jetzt net helfe... Versuch's doch einmal mit dem Blatt."

Das "Blatt" ist ein Bogen Papier, auf dem alle Codes aufgedruckt sind. Der Postler sucht die Codierung des besagten Artikels auf dem Blatt und - pieps - klapp-klapp (sechsmal) - hurra, Erfolgserlebnis! Die Registrierung hat geklappt.

Inzwischen reicht die Schlange hinter mir bis zur Tür. Ich bin froh, nicht jetzt erst auf das Postamt zu kommen und bedauere alle, die hinter mir stehen. Zum Glück schicke ich kein Paket nach Übersee und kaufe keine Tesarolle!

Zu meiner Freude klappt die Registrierung des postgelben Kugelschreibers wie am Schnürchen! Doch dann ereilt mich ein weiterer Schock: Der Postler - er bleibt die Ruhe selbst - greift nach einem Tachenrechner und addiert damit die Preise der Artikel! Sein wundersames Registriersystem bildet ihm nicht einmal die Summe!

"Sixtyfour Marks and ninetyfive Pfennigs!" gibt er bekannt. Nun ist es vollbracht. Die Lady zahlt und ich darf endlich an den Schalter vorrücken. Fast überkommt mich ein nostalgischer Schmerz, denn sollte die Post jemals all ihre Monopole verlieren, worüber würden wir uns Samstags morgens denn amüsieren oder verwundern? Unser Welt wäre um einiges ärmer!

(Mai 1999)