Sex, Machismo, Tango

(Als meine Generation 20 war, hieß es sex'n'drugs'n'roch'n'roll - woran man sieht, dass allein von den 3 Idealen meiner Jugend nur noch eines geblieben ist ...)

Urpsala! Alle, die jetzt voller Erwartung diese Seite angeklickt haben, werden sicher enttäuscht sein. Über Tango findet sich hier so gut wie nichts. Die erste Version dieses Textes, die sich durchaus auf Tango, Sex und Machismo bezog, wurde von mir nämlich wieder verworfen. Sie wurde verfasst als Beitrag für die Tango-Mailing-Liste (tango-de@yahoogroups.ce), wo im Juli 2003 eine Diskussion durch ein paar provokante Äußerungen Dritter entbrandet war. Nachdem mein Beitrag aber sehr umfangreich geworden war, habe ich diesen nicht in die Liste geschickt, sondern erst mal hier "geparkt". Dann wurde mir aber klar, dass ein solch umfangreicher Beitrag als Antwort zu einer aktuellen Diskussion keinen Wert macht, sondern dass es sinnvoller ist, eine grundsätzliche Abhandlung zum Thema Machismo, Sex und Tango zu schreiben, die vielleicht auch in 5 oder 10 Jahren noch jemanden interessiert.

ABER! Die Entwicklung geht weiter und die Gedanken zur Tangoszene entwickeln sich ebenso. Vieles erscheint mir inzwischen bedenklich, so die Auseinanderentwicklung der Stile. laut der Theorie, nach der ich dereinst gelernt habe, kann man, sofern man die Grundlelemente kennt und "seine Achse gefunden hat" (Tangueros wissen, was damit gemeint ist) überall auf der Welt mit jedem Partner, mit jeder Partnerin tanzen. Die Praxis in Deutschland sieht inzwischen etwas anders aus. Es gibt hier inzwischen zwei "Welten", die der Salon- und die der Figurentänzer. Während sich erstere am klassischen Stil, wie er heute noch in vielen Salons von BsAs gepflegt wird, orientieren, bemühen sich andere um eine große Vielfalt von Figuren bis hin zu abenteuerlichen und akrobatischen Übungen. Einen guten figurenbezogenen Tanz nach der Art des (professionellen) Bühnentangos bringen m.E. aber nur wenige Tänzer und Tänzerinnen harmonisch rüber; nur selten tanzen diese Personen noch "nach der Musik" oder "mit dem Partner". Es sind eben keine Profis, auch wenn sie das gern sein möchten! Außerdem sollte Bühnentango auf der Bühne und nicht auf einer normalen Milonga getanzt werden! Soweit meine bescheidene Meinung dazu. Zwischen den Extremstilen - Puristen hier - Experimetierer /Akrobaten dort - gibt es natürlich alle Übergänge. Viele Salontänzer beherrschen mehr Elemente als sie auch tatsächlich tanzen oder setzen spezielle, und vielleicht auch extravagente Kombinationen nur zur Pointierung ein. Dazu kommen sehr unterschiedliche Körperhaltungen, je nach "Schule" - eng, weit, ständig wechselnd, V-Stil, Milonguero-Stil usw. Wie und was auch immer - die Stile entwickeln sich voneinander weg und es macht inzwischen z.B. wenig Sinn, dass Salontänzer mit "Akrobaten" auf die Piste gehen. Das ist wie mit Esel und Pferd: evolutionsmäßig sind diese Tiere sich noch sehr nahe; sie können sich noch paaren, aber was dabei heraus kommt, ist unfruchtbar. Man verzeihe mir den Vergleich; ein besserer fällt mir aber nicht ein.

Das nur als ein Aspekt, der sich mir aufdrängt. Es ist klar, dass solche Behauptungen am Rande des Ketzerischen stehen und mir viel Widerspruch einbringen werden. Auch meine Bemerkungen zum Machismo allgemein, die als Einfürhung gedacht sind und schon seit einiger Zeit hier im Netz stehen, haben mir schon Widerspruch eingebracht. Aber auch Zustimmung! Wenn ich alle meine Gedanken bzw. Beobachtungen zum Tango, seinem sozialen und sozi-ökonimichen Hintergrund, wie ich ihn sehe, hier preisgeben würde, wäre ich vielleicht in einigen Szenen "persona non grata." Außerdem würde das vielleicht gar ein Buch füllen, nicht nur ein paar Web-Seiten - und für eine solche umfangreiche Abhandlung habe ich keine Zeit. Ich hebe mir das also auf für später - irgendwann, vielleicht nach meiner aktiven Tango-Zeit. Doch dann wird es vielleicht kaum noch Tangueros geben, die sich für solche Artikel interessieren. (Denn eine weitere meiner ketzerischen Theorien ist die, dass die Szenen an ihrem eigenen Anspruch zu Grunde gehen werden; der Zenith ist jedenfalls schon überschritten, wir nähern uns langsam aber sicher der Dekadenz).

Was bleibt? Vorerst mein Beitrag zum Machismo. Deer Beitrag basiert vorwiegend auf eigene Erfahrungen in Lateinamerika, speziell der Dominikanischen Republik - welche neben Venezuela das Land der Machos sein soll. Aber so viel verschieden wird es in Argentinien ja nicht zugehen - wenngleich die Dominkaner keinen Tango, sondern Merengue und Salsa tanzen!

Also, liebe Leser, be- (und ver-)güngt euch mit dem Folgenden:

 

Was zeichnet einen "echten Macho" aus?

Zunächst das Wort selbst. "el macho" bedeutet "der Bock", "männliches Tier". "Macho" ist nicht das Gegenteil von "hembra" (Weibchen, Mädchen), wie es oft behauptet wird. Das wertneutrale Gegenteil von "hembra" ist "varón" (Männchen, Knabe). Hembra und varón sind Wörter, die im echten Castellano aber nur noch für Tiere gebraucht werden; in Südamerika sind die beiden Bezeichnungen für Mädchen und Jungs aber weitgehend noch salonfähig. Das nur mal so am Rande. (Möglich, dass in den La Plata-Staaten die beiden Ausdrücke tatsächlich "macho" und "embra" (ohne h) lauten; hier fehlen mir die Erfahrungen).

Der Brockhaus von 1990 definiert Machismo wie folgt:

Machismo [span. zu macho, 'männlich', 'stark', 'rauh', von lat. masculus 'männlich'] durch starke Überlegenheitsgefühle und Herrschaftsansprüche gegenüber der Frau gekennzeichnete Einstellung des Mannes (bes. ausgeprägt in lateinamerikan. Kulturen).

Ich behaupte aber, diese Definition greift zu kurz: Der Macho zeichnet sich nicht nur durch sein Verhalten gegenüber Frauen aus. Machismo ist vielmehr eine grundlegende Einstellung, die sich äußert im:

In allen Fällen ist das Macho-Verhalten immer geprägt von einer gewissen Überheblichkeit - oder etwas neutraler ausgedrückt, einer hohen Selbsteinschätzung oder einem "Sich-Erhaben-Fühlen". Dies muss aber nicht mit einer Geringschätzung des Gegenüber gekoppelt sein. Darin liegt das Geheimnis des "edlen Machos" (oder des "caballero", wie man im Castellano sagt), der von Frauen und anderen Männern bewundert wird: Er setzt nichts herab, er lästert nicht, spottet nicht, kritisiert nicht. Aber er macht das, war er für richtig hält - ungeachtet der Konsequenzen für sich und seine Mitmenschen oder Umwelt, ungeachtet der Ratschläge Dritter.

Der Macho ist immer aktiv: Er sucht stets seine Grenzen auszutesten. Er weiß aber - sofern er ein Mindestmaß an Intelligenz besitzt - wann er zurückweichen muss, wann er aufpassen muss, um nicht lächerlich zu wirken. Nichts fürchtet er mehr als diese Lächerlichkeit. Aber auch darüber ist er erhaben: Ein Macho hat nie, niemals Schuld an seinem eigenen Versagen. Er macht niemals Fehler. Schuld ist immer "la mala suerte" oder jemand Böses, ein Vorgesetzter, ein Kollege oder ein "Gringo"; schuld sind die Umstände wie die soziale Ungerechtigkeit, die unfähigen Politiker (der anderen Partei, wenn er selber ein Politiker ist), oder wieder die Tatsache, dass irgendwo ein "Gringo" die Hände im Spiel hat. Mitunter werden diese Schuldzuweisungen auch auf Minderheiten gelenkt (wie in der Dominikanischen Rep. auf die Haitianer im Land oder in Peru auf die Indios usw.), doch diesen Aspekt will ich außen vor lassen. Dass die Latinos, die männlichen wohlgemerkt, keine Kritik an sich heran lassen und nicht fähig sind, Fehler einzugestehen und daraus Konsequenzen zu ziehen, kann z.B. jeder deutsche Geschäftsmann oder Manager, dessen Firma drüben ansässig ist, bestätigen. Es verwundert nicht - und dies wurde mir von vielen Bekannten immer wieder bestätigt - dass deutsche oder andere ausländische Firmen mehr und mehr einheimische Frauen einstellen und ins mittlere Management nehmen statt einheimische Männer, weil Frauen kritikfähiger, lernwilliger und zuverlässiger sind. (Ein Phänomen, dass insbes. in den Karibikstaaten wie der Dom. Rep. oder Jamaica schon dazu geführt hat, dass sich in den unteren und mittleren Schichten die gesellschaftliche Position der Frauen mehr und mehr verbessert, während die der Männer schlechter wird).

Der Macho weiß immer alles und wird niemals zugestehen, etwas nicht zu wissen. Sofern ein Latino eine Abschluss besitzt, wird er stolz den entsprechenden Titel führen: Licenciado, ingeniero, doctor etc. (das gilt im übrigen auch für die Frauen) und bei eventuellen Meinungsverschiedenheiten mit Kollegen, Vorgesetzten und erst recht untergebenen immer auf seinen Titel beharren. Dabei sind die Abschlüsse vieler südamerik. Hochschulen nicht vergleichbar mit denen in Deutschland oder Europa, aber allein der Titel zählt. Die Hierarchie ist eindeutig: Wer promoviert ist (was oft mit einem Aufenthalt im Ausland verbunden war) ist mehr wert als der ingeniero, dieser mehr als der licenciado - ganz wenig wert ist der profesor, denn das steht im Spanischen für Lehrer, und zwar gewissermaßen "Dorfschullehrer". Deutsche Professoren haben in Lateinaermika mitunter schon unter erheblichem Autoritätsverlust gelitten, wenn sie sich dort "Prof. XY" nannten und nicht "Dr.-Ing. XY".
Doch auch - und gerade - der Latino "vom Land" oder aus dem Barrio, der über wenig Schulbildung verfügt, wird auf gewissen Gebieten allwissend sein. Z.B., was den Umgang mit Frauen angeht. Selbst pubertierende Jünglinge können da mit einer erschreckende Lebenserfahrung prahlen, die uns Gringos wirklich blass werden lässt. Aber auch ganz triviale Dinge sind es, die ein echter Macho immer weiß: Wer jemals auf dem Campo in Südamerika einen Muchacho nach dem Weg gefragt hat, wird davon ein Lied singen können. Die Antwort: Leider weiß ich auch nicht Bescheid (die man in Deutschland in 9 von 10 Fällen hört) gibt es dort praktisch nicht. Man(n) wird Sie immer irgendwohin schicken, wird sich immer als ortskundig erweisen wollen. Lustig wird es vor allem dann, wenn sie eine Gruppe von Männern fragen, die alle mehr oder weniger ortsunkundig sind. Die Dispute, die dann unter den Herren entflammen sind schon ein Erlebnis (vorausgesetzt man versteht deren Dialekt).

Ein Macho steht ständig unter Strom. Er muss sich immer wieder beweisen, dass er etwas kann und etwas gilt. Gegenüber seinen männlichen Kollegen, Freunden oder Verwandten wird er z.B. mit seinen Sex-Abenteuern prahlen, auch wenn diese nur in seiner Phantasie existieren - oder wenn die Beziehung nur platonisch war. Die Bekannten wissen ja nicht, was wirklich geschehen ist - sie haben aber vielleicht gesehen, wie der Held eine Gringa abgeholt hat und mit ihr zum Tanzen oder ins Restaurant ging. Das allein genügt, um neidisch zu machen und den eigenen Stellenwert zu erhöhen. Weitere Inhalte der Selbstdarstellung sind z.B. die Geschäfte, die man macht, was man sich alles so kaufen kann und will und sicher auch die Erfolge der Kinder und der anderen Familienangehörigen. Das Thema Sex aber ist unter lateinamerikanischen Männern viel wichtiger und wird viel offener behandelt als im prüden Deutschland. Ungeniert haben mir z.B. meine Kollegen in Santo Domingo erklärt, welche unserer Kolleginnen sich "para la cama" eignetn und welche "sincera" ist. Auch will man (aber auch frau) sofort den Familienstand von neuen Kollegen (und Kolleginnen) wissen, um einzuschätzen, ob man/frau gewisse Chancen hat. Unverheiratete Frauen gibt es ja an jeder Dienststelle und in jeder Familie immer genug und Fälle der Verkupplung von deutschen Singles durch ihre Kollegen sind mir hinreichend bekannt. (Der Rekord einer solchen mir bekannt gewordenen erfolgreichen Verkupplung, die tatsächlich zu einer Heirat führte, lag bei einen Tag nach Ankunft im Land - der eingefleischte deutsche Junggeselle war um die 50, seine ihm zugeführte Frau mal gerade 20).
Man stelle sich das alles an einem deutschen Arbeitsplatz vor, das würde sofort die Frauenbeauftragte auf den Plan rufen! Die Latinos sind aber offener, ungezwungener - und das mag es sein, was uns Deutsche so nervös macht. Der Latino kommt eben schneller zur Sache. Sicher steckt er viele Niederlagen ein, aber er hat ab und zu auch Erfolg. Und das wurmt dann den Gringo.

Frauen mögen es durchaus, wenn sie höflich umworben werden. Das stimmt schon! Und wie gesagt: Der (einigermaßen normale) Macho weiß immer, wann er aufhören muss. Er wird sich - ohne beleidigt zu sein - stets zurückziehen bevor er sein Gesicht verliert. Vielleicht wird er es wieder und wieder versuchen, beiseiner Angebeteten zu landen. Doch selbst wenn er bei einer bestimmten Frau nie Erfolg hat, kratzt das kaum an seinem Selbstwertgefühl. Er weiß, bei anderen Frauen hat er Erfolg. Umgekehrt wird er aber nie einer Frau, bei der er einmal "gelandet" ist, Treue schwören oder ihr gar wirklich treu sein. Ein Latino, der im bieder-deutschen Sinne treu ist, ist dann kein richtiger Macho mehr, kein "hombre verdadero". Es gibt diese Männer aber durchaus. Und sie werden mehr. Umgekehrt gibt es mehr und mehr Frauen, die sich das polygame Verhalten ihrer Männer nicht mehr gefallen lassen und die Untreuen vor die Tür setzen. Die Zahl der geschiedenen und allein erziehenden Frauen in den Großstädten des Subkontinent wächst permanent (Scheidungsrate in der Dom. Rep. z.B. 40%)

Ein Macho ist immer stark und beweist dies im Verhalten zur lebenden und toten Umwelt. Der unachtsame Umgang mit dem "environmento", der ja auch bei uns beklagt wird, ist in Ländern mit ausgeprägtem Machismo sehr stark. Die Natur wird z.T. noch als Feind gesehen; "limpiar" (sauber machen) bedeutet z.B. immer Kahlschlag, Vernichtung von Natur, nicht Beiseiteräumen von Müll. Der Umgang mit Geräten, Werkzeugen, aber auch Computern usw. ist ebenfalls geprägt von einer großen Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit. Auch davon können ausländische Investoren ein Lied singen: Es gibt nichts, was die Machos nicht kaputt kriegen; kein Gerät kann noch so robust gebaut sein! Dabei wird der selbe Macho, der zum x-ten Mal in seiner Firma oder Werkstatt ein Gerät kaputt macht, weil er einfach nicht wahr haben will, dass er es falsch bedient (sein Machismo verbietet ihm dem Vorarbeiter oder Meister oder gar Gringo zuzuhören, wenn er kritisiert wird), der selbe Macho wird sein eigenes Motorrad oder gar Auto recht liebevoll behandeln. Trotzdem wird er es schaffen, auch dieses irgendwie kaputt zu kriegen - aber er wird es auch schaffen, es wieder instand zu setzen. Ob das Fahrzeug dann verbeult ist oder wie eine "Rostlaube" aussieht, spielt keine Rolle! Ein Fahrzeug verliert damit keinen Wert - solche Äußerlichkeiten wie ein unverkratzter Lack spielen in Lateinamerika allenfalls unter der High Society eine Rolle. Der Macho wird eher stolz auf seine Dallen im Fahrzeug sein, denn diese beweisen den Freunden wiederum seinen rasanten Fahrstil und all die Abenteuer, die er auf der Piste erlebt haben mag! Auch das macht uns neidisch, diese Lässigkeit, mit der mit Sachen umgegangen wird! Denn diese Lässigkeit hat durchaus auch positives Seiten, denn sie zeigt uns, dass der Materialismus noch nicht so ausgeprägt ist wird wie bei uns.
Hierzu noch eine Anekdote aus einem werkstofftechnischen Labor einer Uni in Santo Domingo: Die Muchachos dort (die sich alle irgendwie "ingeniero" schimpften) pflegten - trotz Verbot - stets einen Metallstift an eine rotierende Diamantschleifscheibe zu halten, bis dieser glühte, um sich damit ihre Zigaretten anzuzünden. Sie wussten genau, dass sie auf Dauer die Schleifscheibe zerstörten. Sie wussten auch, was so eine Scheibe kostet. Trotzdem haben sie es immer wieder gemacht. Ihr Machismo ließ nichts anderes zu!

Was übrigens auch dazu gehört: Eine gewisse Trinkfestigkeit. Gerade die karibischen Länder sind ja bekannt für ihren guten Rum. Ein Macho wird einen "trago" (Schluck) nie verschmähen. Er wird aber i.d.R. nicht saufen bis er die Beherrschung verliert - dafür sorgen seine Compañeros. Denn wer im Vollsuff lallt oder ausfällig wird, verliert wieder sein Gesicht. Also wird man dafür sorgen, dass keiner zuviel in sich hineinkippt (ausnahmen bestätigen leider auch hier die Regel). Umgekehrt wird man damit prahlen, was man verträgt, ohne "borracho" ("blau") zu werden. Auf dem Land oder in den Barrios, wo sich das gesellschaftliche Leben noch weitgehend auf den Straßen abspielt, sah ich oft an Wochenenden Männer zusammensitzen, die auf den Tischen leere Flaschen aufgebaut hatten - damit jeder, der vorbei kam, sehen durfte, womit sie schon "fertig geworden waren". Siehe Bild!

Die Selbstverachtung, die ein echter Machos zur Schau stellt, führt ihn mitunter in kritische, ja gefährliche Situationen. Unter meinen Bildern von den Reisen 1998 und 2001 sind etliche Dokumente von solch "coolem", selbstgefälligem und dann auch gefärhlichem Verhalten zu finden. Und erst recht die Bilderserie der Zeitung "Ultima Hora" führt viele solcher Beispiele an. Sicher entspringen viele Verhaltensmuster der Armut und den Problemen des Alltags (z.B. der Transport von Gasflaschen auf Motorrädern). Dennoch - ohne eine bestimmte Grundeinstellung wäre eine Häufung solchen Verhaltens nicht möglich.

 

Mythen über den Machismo

Latinos - und auch manche Gringos, die gern "echte Machos" wären - stellen bestimmte Behauptungen auf, die ich hier einmal kritisch durchleuchten möchte. Vorweg sei gesagt: Nicht alle Latinos pflegen diese Mythen, wie nicht alle Latinos automatisch Machos sind. Gerade in den Ländern mit starker Ausprägung des Machismo gerät dieser unter seinen Landsleuten mehr und mehr ins Kreuzfeuer der Kritik

1. Der Macho weiß immer was Frauen wollen.
Nun, da muss man erst einmal gegenfragen: Wissen denn die Frauen selbst, was Sie wollen? Wollen alle Frauen dasselbe? Ich würde eher behaupten: Der Macho weiß immer, was er will. Nämlich bei einer Frau "landen". Dafür tut er durchaus auch das, was in der 2. Behauptung gesagt wird:

2. Machos tragen Frauen auf Händen
Ja, der Macho kann galant und zuvorkommend, höflich und zurückhaltend sein - wenn es seinem Ziel dienlich ist. Ein Mann, der nur galant ist - ohne weiteren Absichten - ist aber kein Macho, sondern "nur" ein "Caballero" oder ein "Galán". Diese gibt es! Und solche Männer wissen die Frauen wirklich zu schätzen. Dumm nur, dass Gringas die Machos von den Caballeros nicht unterscheiden können! Ein echter Macho aber will natürlich mehr, offen gesagt, er will Sex! Auch wenn er noch so von Treue, Ehe oder Familiengründung schwatzen mag, dies sind nicht die Ziele, die er verfolgt. Ich habe Latinos kennen gelernt, die absolut perfekte Umgangsformen hatten und denen die Frauen zu Füßen lagen. Kaum aber dass sich die Frauen mit ihnen eingelassen hatten, wurden sie uninteressant und alle Treueschwüre waren vergessen. Ja, ich kannte sogar Frauen, die den Latinos, denen sie in Deutschland auf den Leim gegangen sind, in deren Heimat nachgereist sind - nur um dort zu sehen, dass der Angebetete es dort offen und unverblümt mit anderen Frauen treibt oer dass er sogar verheiratet war. Machos tragen also Frauen durchaus auf Händen - sind aber in der Lage, sie wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen, wenn eine andere kommt , die ihnen mehr gefällt - ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.
In den LaPlata-Ländern scheint man solche Typen nicht mehr Machos, sondern "Machitas" zu nennen. Macho steht dort eher synonym für Caballero. Nun, in diesen Ländern ist z.B. das Wort "coger" (nehmen) auch nicht salonfähig bzw. wird nur in Zusammenhang mit "coger una mujer" benutzt. Das sind lokale Besonderheiten in der Sprache, die aber am Wesen der Dinge nichts ändern.

3. Es gehören immer 2 dazu! Und die Frauen wissen ganz genau was geht oder nicht geht (ernst oder fun).
Das kann man mit einen Augenzwinkern schon sagen, ist aber trotzdem eine gefährliche Verallgemeinerung. Klar, es gibt überall auch Frauen, die gern mal einem "hombre verdadero" erliegen wollen. Aber viele Frauen fallen halt einfach nur auf die Machos rein (siehe oben), vielleicht aus Unerfahrenheit, vielleicht aus Naivität. Letzteres merkt ja ein echter Macho und nutzt es brutal aus!

4.Die Frauen wollen ihre Männer so - und: Die Frauen/Mütter erziehen ja ihre Männer zu Machos, sind also am Machismo selber schuld
Eine Behauptung zum Selbstschutz der Männer! Denn wir müssen uns dabei fragen: Wie werden denn die Frauen erzogen? Welchen gesellschaftlichen Zwängen unterliegen sie? Übertragen wir das Argument, die Frauen seien als Erziehende selber schuld, einmal auf andere Kulturkreise: Wie ist dass z.B. im Iran, in Saudi Arabien oder wie war das im Afghanistan der Taliban: Warum erziehen denn die Frauen, die doch dort - aus unserer Sicht - gewiss ganz anders unter männlicher Unterdrückung leiden wie eine durchschnitliche Latina- nicht ihre Söhne so, dass sich was ändert? Das könnte doch dann von einer auf die andere Generation vorbei sein mit der Vorherrschaft der Männer? Geht doch nicht, wird jeder sagen, das wäre eine Illusion! Aha! Wir sehen also, dieses Argument, die "Frauen wollen ihre Männer so", das stimmt irgendwie nicht. Ich muss da wohl nicht näher darauf eingehen.

5. Ihr Gringos seid es uns ja nur neidisch
Worauf sollen wir neidisch sein? Auf die Unfähigkeit, eine dauerhafte Beziehung zu einer Partnerin aufzubauen? Auf die Naivität, die falsche Selbsteinschätzung, die permanente Sich-selber-zur-Schau-Stellung? Worauf wir allerdings neidisch sein können ist die Eleganz einerseits, die lateinamerikansiche Männer (Machos und Nicht-Machos) an den Tag legen können und deren nicht ganz so verbissene Einstellung zu den großen und kleinen Problemen des Alltags. Vieles, was uns Deutsche zur Weißglut bringen kann, steckt der Latino locker weg.Er besitzt einfach mehr Lebensfreude. Darauf können wir neidisch sein.

6. Der lateinamerikanische Macho ist edel, der deutsche dagegen ist ein Chauvi.
Das stimmt nur soweit, dass der deutsche Macho eben nicht die lockere Art des Latinos besitzt, mitunter brutaler ist und vor allem, dass der Deutsche Niederlagen nicht so leicht wegsteckt. Außerdem: Viele Umgangsformen, die in Lateinamerika oder Spanien noch gepflegt werden, sind bei uns leider verkümmert und verkümmern mehr und mehr. Deshalb blicken viele deutsche Frauen sehnsüchtig nach Südamerika und nehmen es in Kauf, dass die Höflichkeiten nur oberflächlich sind und mitunter einen "bestimmten" Zweck dienen. Und welche Frau hat es nicht gern, wenn ihr jemand auf der Straße nachpfeift oder ein Kompliment macht? Deutsche Männer können sowas einfach nicht! Andererseits erwartet es auch niemand in Deutschland und wenn es dann doch gemacht wird, erschrickt frau! In Lateinamerika erschrickt frau höchstens beim ersten Mal, danach genießt sie es!

7. Es gibt in Deutschland mehr Machos als in Südamerika
Das kann man glauben oder nicht - und hängt eben davon ab, wie man "Macho" definiert. Wenn ich "Macho" mit "unhöflich, plump, dreist, ungehobelt, ungezogen usw." gleichsetze, mag das stimmen. Deutsche sind im allgemenen unhöflicher, grober, direkter als Latinos. Aber, wie wir gesehen haben, "Unhöflichkeit" und "Grobschlächtigkeit" sind nicht die Attribute des echten Machos.

Und zu guter Letzt: Un hombre nunca llora (Ein Mann weint nie)
In Abwandlung des alten Spruches "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", will der Macho immer hart sein: Hart nicht nur im Geben, sondern auch im Nehmen. Das würde bedeuten, er klagt nie, beschwert sich nie, steckt Niederlagen mit stoischer Gelassenheit weg. Gefehlt! Ich kenne nicht wenige Machos, bei denen gehört Jammern und Wimmern zum Tagesgeschäft. Ständig stellen sie sich zur Schau und lamentieren über die böse Welt, die bösen Mitmenschen, die Frauen, die sie ungerecht behandeln. Niemand kann nerviger jammern wie ein echter Macho. Und dabei drücken sie nicht nur bei der Mama zu Hause auf die Tränendrüse, sondern belästigen mit ihrem Getue jeden Mitmenschen. Sie scheuen sich nicht einmal, ihre Niederlagen in öffentlichen Medien, wie z.B. mailing lists, darzustellen. Auch in der Tango-Liste (damit wären wir wenigstens einmal beim Thema) kam das schon vor, wenn da beispielsweise geklagt wird, dass die Frauen sich nicht richtig führen lassen ...

 

Summa summarum

Ich hoffe, ich habe es geschafft, den Machismo ein wenig zu beleuchten. Es gibt unzählige wissenschaftliche Abhandlungen darüber und viele Erklärungsversuche. Meine Beschreibung beruht - wie eingangs gesagt - nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern nur auf persönlichen Erfahrungen.

Und diese persönlichen Erfahrungen würde ich so zusammenfassen:
Der (lateinamerikanische) Machismo kann durchaus liebenswürdige Erscheinungsform haben, er mag Facetten haben, die uns neidisch machen oder die sogar nachahmenswert sind - insgesamt aber halte ich ihn für eine negative Erscheinung. Er wird in dem Maße bleiben oder verschwinden, wie sich die sozio-ökonomischen Verhältnisse in den betreffenden Ländern und damit auch die Rollen der Frauen ändern. Der Machismo selbst aber steht den Veränderungen in diesen Ländern im Weg. Es ist schon so, wie ein Freund von mir, ein Dominikaner übrigens (kein Gringo!) sagte: Solange es keinen Fortschritt gibt, gibt es Machismo, solange es Machismo gibt, gibt es keinen Fortschritt.

Noch ein Aspekt: Es ist ein Unterschied, ob ich selbst in einem solchen Land aufgewachsen bin oder ob ich erst als Erwachsener, mit all meiner deutschen Prägung, dorthin kam. Jedes Mal wird - ja muss! - die Sichtweise eine andere sein. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich nur eine Reise von 3 oder 4 Wochen nach z.B. nach Buenoss Aires, Santo Domingo oder eine andere südam. Stadt mache oder ob ich dort ein, zwei oder mehrere Jahre lebe. Jedes Mal mag ich den Machismo als was ganz anderes erleben und empfinden. Wir beobachten uns und unsere Umgebung jeder anders. Wer hat letzten Endes recht? Niemand, alles ist relativ. (Die Wissenschaft scheint uns anderes zu lehren, aber spätestens seit Popper wissen wir ja, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht verfifizierbar, sondern falsifizierbar sein müssen).

Der Leser wird jetzt sicher erwarten, dass ich irgendwas auch zum Machismo und Tango (und zum Sex beim Tango!) beitragen kann. Viele interessante Fragen sind dazu möglich:

Und dann die Frage:

Und einer weiteren Frage würde ich gern nachgehen:

Ich stelle das für spätere Zeiten zurück. Oder überlasse die Feder anderen, die auf diesem Gebiet kompetenter sind? Jedenfalls sind weitere Recherchen, auch in der Literatur, notwendig. Das alles dauert seine Zeit. Aber mal sehen ...

Allen, die bis hier gelesen haben und Tänzer/innen sind, wünsche ich weiterhin gute Tänze, gleich ob mit "machos" oder nur "varones". Alle anderen möchte ich ermutigen, doch mal selbst in die Tangowelt ein- und abzutauchen und eigene Erfahrungen zu machen (gute wie schlechte; die guten überwiegen aber, das kann ich versichern).

 

© R. Thum, Juli 2003; Vorspann aktualiert im April 2005.

 

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