Die wundersamen Wolkengeschichten - Leseproben

 

1. Mausball

(Junge Kätzchen wollen spielen, ganz gleich, was um sie herum geschieht.)

Fast alle Samtpfoten hatten sich auf dem Wolkenschiff eingefunden. Einige dösten und schliefen, doch andere, vor allem die Katzenkinder, spielten und rauften. Dem Kater Moony war es langweilig. Er tigerte hin und her. Was tat Hieronymus dort so geheimnisvoll in der Ecke? Moony versuchte etwas zu erspähen, doch Magda baute sich vor ihm auf und fragte, was er wolle. Der Kater merkte, daß er nicht willkommen war, also schlich er weiter. Da saß ja Klein-Manul, das hübsche Kätzchen mit dem seidigen Fell! Sie spielte mit Gnomicus und Peterle Tatzeln.

"Ihr spielt noch Tatzeln?" fragte Moony. "Seid ihr dazu nicht schon zu groß?"

"Wieso?" fragte Gnomicus seinerseits. "Was hast du gegen Tatzeln? Wieso sollten wir dafür zu groß sein! Niemand ist zu groß für ein gutes Tatzeln!"

"Was will dieser Kater überhaupt?" maulte Peterle.

Da mischte sich auch schon seine Schwester Petunia ein: "Peterle, ist dieser Kater frech zu dir? Soll ich ihn dir verjagen?"

"Aber... entschuldigt...", stotterte Moony verlegen.

Nun kamen Xenofefa, Bosheide und Carli herangerückt. "Dieser Kater will wohl raufen", maulte Bosheide. "Seht seine Schnurrhaare, sie sind schon so angriffslustig gedrillt!"

"Aber... nein... nein", murmelte Moony, "meine Schnurren sind doch immer gedrillt - von Natur aus. Ich bin ein sehr sanfter Kater, raufe eigentlich nie."

Xenofefa hockte sich unmittelbar vor seine Nase und brummte: "Kater Drillschnurre, wenn du nicht raufen willst, was willst du dann?!"

"Ach laßt ihn!" sagte Klein-Manul. "Er wollte wirklich nichts. Ich glaube, er langweilt sich nur."

"Wir langweilen uns auch", schimpfte Gnomicus, "und dann kommt er daher und will uns das Tatzeln vermiesen!"

"Tatzeln ist wirklich nur etwas für Kleine", fand Petunia. "Wir sollten endlich wieder Mausball pfoten!"

"Nein, nicht schon wieder", stöhnte Peterle. "Ich habe vom Mausball genug. Immer gewinnt Petunias Mannschaft, und immer muß ich in der anderen Mannschaft spielen!"

"Ich habe eine Idee!" rief Bosheide. "Der Kater Moony wird unser Mausball-Schiedsrichter! Dann gewinnt vielleicht auch einmal eine andere Mannschaft."

"Aber ich kenne die Regeln eures Spieles doch gar nicht", gab Moony zu bedenken.

"Nichts ist leichter als Mausball", begann Bosheide zu erklären. "Zwei Gruppen tatzen um eine Maus, eine Spielzeugmaus, versteht sich. Die Maus darf nur mit krallenloser Pfote nach vorn geschlagen werden, rückwärts aber auch mit bekrallter Pfote. Schlägt aber jemand mit bekrallter Pfote zurück zu einem Mitspieler der eigenen Mannschaft, darf dieser ebenfalls mit bekrallter Pfote vorwärts tatzen. Tatzt er bekrallt vor und trifft dabei einen gegnerischen Spieler, darf dieser ebenfalls bekrallt zurückhäkeln. Häkelt dieser aber, wenn unbekrallt getatzt wurde, bekrallt zurück, gilt 'Krallfehler', und es gibt einen unbekrallten Freitatz."

"Halt, halt", unterbrach Moony, "nicht so schnell! Das versteht ja keine Samtpfote!"

"Bosheide erklärt nicht richtig", behauptete Petunia. "Sie darf nicht mit dem Freitatz beginnen, sondern muß erst einmal erklären, wie man eine Maus ins Mauseloch pfoten darf. Das geht nämlich nur unbekrallt nach vorherigem bekrallten Rückwärtstatz, niemals aber nach vorhergehendem unbekralltem Vorwärtstatz und schon gar nicht nach Freitatz oder Maultrag!"

"Wohl aber nach Doppeltatz-Überkrall!" rief Peterle dazwischen. "Und das will Petunia nie wahr haben! Sie zählt immer ihre bekrallten Nachhäkler als echte bekrallte Rückwärtstatzen und verlangt bei meinen Doppeltatz-Überkrall einen Freitatz mit gesprungener Mausvorgabe!"

Moony war völlig verwirrt! Xenofefa aber ließ nicht locker: "Kein Grund zur Sorge, Drillschnurre, wir fangen am besten mit einem Spiel an, dann wirst du es schon lernen."

Und ehe sich Moony versah, flog auch schon ein mausgroßer Balg vor seine Pfoten. "Wirf die Maus ins Feld!" forderte Petunia. Moony wußte nicht einmal, wo sich 'das Feld' befand. So nahm er also die Stoffmaus und warf sie einfach hinter sich.

"Sehr gut!" riefen die Katzenkinder. "Er beginnt mit einer Hinterwurf-Vorwärtskrall-Rückwärtsdrall-Runde! Er versteht mehr vom Mausball, als er zugibt!"


2. Ein geheimnisvoller Priester

(Nachdem es Ortwin - dank der Hilfe von Quax und anderen Samtpfoten - gelungen war, den Wolkenstoff zu brauen, verschlägt es sie zunächst auf eine vermeintlich einsame Insel. Drei Kater, die auf eigene Pfote die Insel erstreunen, kommen in arge Bedrängnis).

Die Kater Antonius, Gregorius und Munzel streiften sehr ausgiebig durch die Felsen der Gezeitenzone und lauerten auf Krabben. Krabbenfang ist für Samtpfoten keine einfache Angelegenheit, denn die größeren Exemplare können mit ihren Scheren ordentlich zupacken und gar Schnurrhaare abzwicken. Die drei Kater prahlten voreinander, wer den dicksten Krebs überwältigen konnte und kletterten immer mutiger auf die Klippen hinaus. Da entdeckten sie vor einem Felsspalt, der gerade so breit war, daß ein Mensch sich hineinzwängen konnte, eine gewaltige Schar Krebstiere. Sie warteten anscheinend nur darauf, von den Samtpfoten gefangen zu werden!

Die Kater schlichen näher heran, doch die Krebse verkrochen sich rasch in den Spalt.

"Ha", frohlockte Antonius, "die sind uns so gut wie sicher! Ich gehe hinein und jage sie zu euch heraus!" - und schon war er im Felsspalt verschwunden. Gregorius und Munz blieben vor dem Spalt sitzen und warteten auf die Beute. Doch nichts geschah, kein Krebs ließ sich mehr blicken. Nach einer Weile kam Antonius zurück und berichtete, der Spalt führe weiter in den Felsen hinein und münde in eine gewaltige Grotte. Dort hielten sich die Krebse versteckt.

"Dann müssen wir ihnen in die Grotte folgen", bestimmte Gregorius. "Diese Beute dürfen wir uns nicht entgehen lassen."

"Wäre es nicht besser, Meister Ortwin von unserer Entdeckung zu berichten?" fragte Munz. "Vielleicht will er sich die Höhle anschauen?"

"Wozu?" erwiderte Antonius. "Es ist eine ganz gewöhnliche Höhle, wie ich schon viele in meinem Streuneleben gesehen habe! Laßt uns hineingehen und die Beute herausholen."

"Ganz recht", bekräftigte Gregorius. "Die Krebse sind unsere Entdeckung; die anderen brauchen nichts davon zu wissen! Wenn du dich fürchtest, Munz, kannst du ja draußen auf uns warten."

Munz war es recht mulmig zumute, doch wollte er sich vor den anderen keine Blöße geben: Einen furchtsamen Kater durfte es schließlich nicht geben! Kurzerpfot folgte er seinen Gefährten in die Grotte.

 

Schnell gewöhnten sich die Augen der drei Streuner an die Dunkelheit. Sie sahen, daß von der Grotte viele Gänge und Spalten weiter ins Erdinnere führten. Die Insel mußte durchlöchert sein wie ein mottenzerfressener Pelz!

Die Krebse allerdings waren verschwunden.

"Wo mögen sie nur stecken?" brummte Gregorius.

"In einer der Spalten, aber in welcher?" murrte Antonius. Er hob die Nase, um die Witterung aufzunehmen. "Wenn mich nicht alles täuscht", fand er, "riecht es hier eher nach Maus als nach Krebs."

"Ja", schnurrte Munz, "hier duftet es köstlich nach Mäusen!"

Also gab es doch Mäuse auf der Insel! Den Katern lief das Wasser im Mund zusammen.

"Dort hinten, in jenem Gang, müssen die Mäuse sein", stellte Antonius fest.

Geschwind schlichen sie weiter in die Höhle hinein, doch sie staunten nicht schlecht, als sie plötzlich vor einer Treppe standen. Etwa ein Dutzend in den Stein geschlagene Stufen führten nach unten und endeten vor einer großen eisenbeschlagenen Tür. Das mußten Menschen gebaut haben! Doch zu welchem Zweck? Wohnte hier etwa jemand?

"Die Tür steht einen Spalt offen", bemerkte Antonius. "Wollen wir hinuntergehen?"

"Warum nicht?" erwiderte Gregorius. "Der Mäuseduft kommt von dort unten!"

Munzel wollte etwas einwenden, fürchtete aber, von den anderen wieder verspottet zu werden. Also eilten sie alle drei die Stufen hinunter und zwängten sich durch den Türspalt. Der Raum dahinter war nicht sonderlich geräumig und gerade so hoch, daß ein Mensch darin aufrecht stehen konnte. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein klobiger, steinerner Tisch, darüber hing ein unförmiges, dunkles Schild. Sonderbar fahlgrüne Lichter schimmerten von den Wänden. Einen weiteren Ausgang schien der Raum nicht zu haben.

"Wir sind in einem Tempel", flüsterte Antonius - laut zu reden wagte er nicht. "Sicher verehren die Menschen hier einen ihrer Götter."

"Was sind das für unheimliche Lichter?" wisperte Munz. "So etwas habe ich noch nie gesehen."

"Ich glaube, das sind Pilze, die im Dunkeln leuchten", antwortete Antonius.

"Der Ort gefällt mir jedenfalls nicht, selbst wenn es hier tausend Mäuse gäbe!" aunzte Munz. "Mir ist die Lust auf Mäusebraten vergangen. Wir sollten uns besser davonmachen!"

"Ja", stimmte Gregorius bei, "Munz hat recht: Wir sollten gehen."

"Ihr geht nicht", vernahmen sie da eine rauhe Stimme vom Eingang her. Erschrocken blickten sie zur Tür. Dort stand eine menschenähnliche Gestalt. Sie war in einen langen dunklen Mantel gehüllt und hielt ihren Kopf fast ganz unter einem Schal verborgen. Die drei Streuner saßen wie versteinert da.

"Ihr seid wohl erschrocken, Katzentiere", krächzte der Fremde und schloß hinter sich die Tür. "Was wollt ihr hier? Wer hat euch erlaubt, hier einzudringen?"

Antonius faßte sich als erster und antwortete: "Wir... nun, wir sind auf der Suche nach Mäusen... wir wußten nicht, daß es verboten ist..."

"Mäuse", sagte der Fremde mit einem merkwürdigen Unterton, "ja, ihr Katzen denkt immer nur ans Mausen!" Er kam einen Schritt näher und zischte: "Wißt ihr denn überhaupt, wo ihr seid?"

"Wohl in einem Tempel", antwortete Antonius.

"Ja, gewiß", fuhr der Fremde fort. "Ihr aber verehrt keine Götter, nicht wahr?"

"Doch", antwortete Antonius, "die Bastet zum Beispiel..."

Der Fremde lachte: "Ha, ha! Die alte Bastet aus Ägypten! Sie wird euch nicht helfen, ha, ha! Denn hier herrscht Baal, auch bekannt unter dem Namen Moloch! Schaut, das Schild über dem Altar: Das ist sein Bild!"

Die Kater blickten nach oben. Jetzt erkannten sie die merkwürdige Figur, die auf das Schild gemalt war: Es war ein dornenbewehrter Drache! Hatte nicht Ortwin etwas von einem solchen Drachen erzählt? War das nicht das Symbol des Geheimbundes, der den Wolkenstoff stehlen wollte? Sie mußten so schnell wie möglich zu Ortwin zurück und über die Entdeckung berichten!

"Nun gut", sagte Antonius, "wir haben genug gesehen... und... äh... wollen nicht länger stören. Laßt uns also gehen!"

"Habe ich nicht bereits gesagt, daß ihr hierbleibt, ihr neugierigen Streuner?" begann der Fremde von neuem. "Ihr seid meine Gefangenen, hä, hä!"

Drohend schritt er weiter auf sie zu.

Die drei Kater wichen zurück, fauchten und maunzten. Munzel faßte sich noch einmal ein Herz und aunzte: "Bitte, laßt uns wieder gehen! Wir erzählen auch ganz bestimmt niemandem von Eurem Tempel. Das versprechen wir!"

"Ja", miaute Gregorius, "wir wollten doch nur auf Mäuse lauern."

"Euch werde ich lehren, Mäuse zu fangen!" krächzte der Fremde, sprang einen Schritt vor und versuchte nach den Katern zu greifen. Diese aber wichen geschickt aus und sprangen auf und unter den Altar.

"Weglaufen ist sinnlos, Kater! Ihr entkommt mir nicht! Keiner von euch entkommt mir, ha, ha! Ihr wolltet Mäuse fangen, jetzt fängt euch die Maus!" Während er dies krächzte, zog er geschwind einen Säbel unter seinem Gewand hervor! Dabei verrutschte sein Schal; die Kater sahen seine Augen und seine Nase. Es waren kleine, bösartige Augen und eine spitze Nase mit einem dünnen Schnurrbart darunter!

Im gleichen Augenblick vernahmen sie an der Tür ein Scharren.

"Aha", krächzte der Unhold, "euch ist wohl jemand gefolgt. Nun ja, wollen wir einmal nachsehen, wer da Einlaß begehrt."

Vorsichtig öffnete er die Tür einen kleinen Spalt und schaute hinaus. Draußen war niemand zu sehen. Schon wollte er die Türe wieder schließen, als er urplötzlich zurücksprang, nach seinem Kopf griff und dabei den Säbel fallen ließ.

"Schnell, flieht!" rief eine Stimme. War das nicht Hieronymus? Wo steckte er bloß? Der Unhold wollte rasch nach seinem Säbel greifen, doch wie von Geisterhand bewegt, wanderte dieser von ihm weg!

"Ah, wer wagt es, mich zu narren? Zeig dich mir, wer immer du bist!" tobte der Fremde. Doch der Gegner blieb unsichtbar. Hieronymus' Stimme rief abermals den Katern zu: "Nun lauft schon! Lauft nach draußen!"

Die drei stürmten los - ohne weiter zu zögern und ohne nochmals nach dem Fremden zu schauen. Dieser versuchte ein weiteres Mal, seine Waffe aufzuheben, stolperte jedoch dabei und fiel der Länge nach auf den Boden.

Die drei Kater rannten und rannten, ja sie flogen regelrecht die Treppe hinauf. Sie fegten durch die Grotte und durch den Felsspalt hinaus auf die Klippen und rasten weiter bis zum Sandstrand in der kleinen Bucht. Dort erst hielten sie an und blickten sich um. Hinter ihnen war niemand zu sehen.

In diesem Augenblick kamen Tabitha und Minze von der anderen Seite die Felsen heruntergestiegen und wunderten sich über die drei atemlosen Kater.

"Veranstaltet ihr ein Wettrennen?" scherzte Tabitha.

"Dort, dort", riefen die drei durcheinander, "hinter den Klippen!" - "Dort sind sie!" - "Ja, Unholde!" - "Drachenpriester und unsichtbare Wesen!" - "Sie hatten uns gefangen!" - "Sie wollten uns fressen!"

"Fressen vielleicht nicht gerade, aber das Fell über die Ohren ziehen", hörten sie wieder Hieronymus reden. Da saß er ja! "Wie kommst du hierher?" fragte Munz verwundert. "Was wird hier gespielt? Wir haben dich gehört, aber nicht gesehen! Warst du mit uns in der Höhle?"

"Ja, ich war in der Höhle", erklärte Hieronymus, "und ob ihr es glaubt oder nicht, ich bin euch schon die ganze Zeit gefolgt - unter Ortwins Tarnkappe! Eigentlich hatte ich vor, euch ein wenig zu erschrecken, doch dann kam mir der seltsame Geselle in die Quere. In anderen Worten: Ich war das unsichtbare Wesen, das mit ihm gekämpft hat! Der Fremde roch übrigens ganz gehörig nach Maus, habt ihr das auch bemerkt?"


3. Geheimnisvolle Vögel

(Die Gefährten gelangen in die Bretagne. Dort werden sie von allerlei Unholden, angeführt vom geheimnisvollen Magier Salaam, belästigt und bedroht. Doch finden sie auch Freunde, die ihnen gegen die finsteren Mächte beistehen).

Als der Morgen graute, tigerte Quax zum Wald. Gelegentlich kam seine wahre Natur zum Vorschein, und er war wieder der alte Streuner und Mauser. So schlich er durch das Unterholz und schnupperte hier und da an den Bäumen und Sträuchern. Überall hatten seine Artgenossen ihre Erkennungsmarken gesetzt. Hier war der Pfad von Tobias, dort der Durchschlupf vom Gestromten. Und hier kreuzten sich die Wege von Munni und dem Miesen.

Quax lief immer weiter in den Wald hinein. Die Spuren seiner Artgenossen wurden schwächer. Endlich kam er in ein Gebiet, in dem zuvor keine Samtpfote gewesen war. Auf einmal hörte er ein gleichmäßiges Rauschen. Er zwängte sich weiter durch dichte Hecken und stand plötzlich vor einem Abhang. Gute fünfzig Ellen unter ihm brandete das Meer an die Felsen. Die Sicht war sehr gut, und Quax erkannte eine Insel am Horizont. Ob das ihre Insel war, die Insel mit dem geheimnisvollen Tempel, auf der Salaam und seine Gesellen ihr Lager aufgeschlagen hatten?

Quax wollte schon wieder in den Wald zurückkehren, da sah er auf einem nahen Felsvorsprung einen großen Vogel sitzen. Er sah aus wie ein gewaltiger Hahn, denn sein Kopf zierte ein bizarrer Kamm. Sein Gefieder glänzte metallisch grau in der Sonne. Der Schnabel war kurz und breit. Der Vogel sah sehr kräftig und gefährlich aus. Quax erinnerte sich, von Ortwin einmal eine Geschichte über die Dronten gehört zu haben. Das waren Riesenraubvögel, die auf einer einsamen Insel im Nordmeer hausten. Möglich, daß sich eine dieser Dronten hierher verirrt hatte.

Plötzlich erhob sich der Vogel und segelte hinunter zum Meer. Dort ließ er sich auf einem großen, meerumbrandeten Felsen nieder. Er schüttelte seine Flügel, als wären sie naß. Im gleichen Augenblick blitzte es draußen auf der Insel.

Doch was war das? Neben dem Riesenvogel saß plötzlich ein zweiter der gleichen Art. Wie war der dorthin gekommen? 'Ich muß ihn übersehen haben', dachte Quax. Wieder blitzte es auf der Insel. Was bedeutete das? Sendete der Magier irgendwelchen Verbündeten geheime Zeichen?

Zwischen den Felsen krachte und polterte es. Hatte sich etwa ein größerer Brocken gelöst und war ins Meer gestürzt? Quax schielte vorsichtig über die Klippe. Da saß doch tatsächlich ein dritter Drontvogel! Dem Kater wurde unheimlich zumute.

Rasch kehrte er in den Wald zurück und machte sich auf den Weg zum Wolkenschiff. Er mußte Ortwin unbedingt von seinen Beobachtungen berichten, vielleicht wußte dieser, was die geheimnisvollen Lichter und die seltsamen Vögel zu bedeuten hatten.

 

Er traf seinen Meister zusammen mit Hieronymus, Baldwin und Nela auf der Bank vor deren Hütte. Er hatte zunächst keine Gelegenheit, von seinem Erlebnis zu berichten, denn im gleichen Augenblick kam ein fremder Reiter ins Dorf und hielt unmittelbar auf Nelas Hütte zu.

"Seid gegrüßt!" rief der Ankömmling über den Platz und stieg vom Pferd.

Nela grüßte zurück: "Ihr seid Rabax aus Locmariaquer, nicht wahr? Was führt Euch zu uns, Nachbar?"

"Ich brauche Euren Rat", antwortete der Ritter. "In meinem Dorf wurden sonderbare Wesen gesehen, deren Erscheinen wir uns nicht erklären können."

"Sonderbare Wesen?" erwiderte Nela. "Dies stimmt mich neugierig. Doch darf ich Euch zunächst Meister Ortwin vorstellen? Er war ein Schüler Merlins und ist zusammen mit seinen Gefährten bei uns zu Besuch."

Rabax begrüßte Ortwin mit einer tiefen Verneigung. Als er Hieronymus erblickte, weiteten sich seine Augen: "Welch herrliches Tier. Mit Verlaub, Meisterin Nela, Eure Katze genießt schon einen legendären Ruf in unserem Land, doch dieser Kater ist nicht minder stattlich!"

Quax, der neben der Bank angekommen war, maunzte eifersüchtig.

Der Ritter beugte sich zu ihm hinunter und überschlug sich mit neuen Komplimenten: "Ein weiteres Exemplar! Und ich kann nicht sagen, welches der beiden mir edler erscheint. Sind das Eure Gefährten, Meister Ortwin? Ich beglückwünsche Euch."

Ortwin war verlegen. Umständlich erklärte er, wie er in die Bretagne gekommen war und daß er sich in Begleitung nicht nur der beiden, sondern vieler Samtpfoten, befinde, wohingegen jedoch die beiden Anwesenden seine wahren Gehilfen seien.

Hieronymus und Quax schnurrten selbstgefällig. Baldwin aber saß dabei mit hochrotem Kopf. Urplötzlich polterte er los:

"Der große Meister Ortwin vergißt, wem er letztendlich die Tatsache verdankt, daß er noch am Leben weilt. Aber ich bin es gewohnt, übersehen zu werden, gelte ich doch als ein Nichts und schimpft man mich einen Zwerg!"

"Verzeiht", fuhr Ortwin zusammen, "aber ich habe in der Tat vergessen, Euch vorzustellen, Meister Baldwin!"

Hieronymus und Quax grinsten, worauf Baldwin erst recht zeterte: "Diese Katzbälger, die es verstehen, sich immer in den Vordergrund zu drängen, sind in Wahrheit Streuner und Schnorrer! Ihr macht Euch keine Vorstellung, Freund Rabax aus Locmariaquer, wie ein rechtschaffener Mann unter den Bosheiten dieser Biester leiden kann. Wir arbeiten uns den lieben langen Tag Schwielen an die Hände, um uns ein halbwegs gemütliches Zuhause zu errichten, und was machen diese Wüstlinge? Sie krallen an den Türpfosten, legen sich in unsere Betten und setzen ihre widerlichen Duftmarken überall hin!"

"Jetzt reicht es aber", fauchte Quax. "Von wegen, den lieben langen Tag arbeiten! Herumsitzen und Bier trinken, will er sagen! Meister Ortwin, das sollten wir uns nicht gefallen lassen."

Baldwin sagte nichts mehr, vielmehr zog er sich blitzschnell einen Schuh vom Fuß und warf ihn nach dem Kater. Natürlich verfehlte er. Der Schuh rollte in eine Hecke. Sofort sprang Quax hinterher, packte den zierlichen Schuh zwischen die Zähne und rannte damit über den Dorfplatz. Baldwin hüpfte so schnell er konnte hinterher, der Kater aber war schneller und verschwand hinter einem der Häuser.

"Vermaledeiter Balg!" fluchte der Zwerg. "Das zahle ich ihm heim!" Alle anderen lachten.

"Nun aber berichtet, Ritter Rabax!" forderte Nela ihn auf und bot ihm den Platz an, auf dem eben noch Baldwin gesessen hatte. Dem Zwerg blieb nichts anderes übrig, als sich vor der Bank auf den Boden zu setzen, wobei er nach links und rechts schielte, in der Hoffnung, Quax irgendwo zu erblicken.

Rabax holte eine kleine Feder aus der Tasche und gab sie Nela.

"Sagt mir bitte, was das ist!" bat er.

Nela wog die Feder in der Hand und reichte sie weiter an Ortwin.

"Es ist eine Feder, zweifellos", stellte Ortwin fest. "Ein schönes Kunstwerk."

"Sie ist einem Vogel aus dem Gefieder gefallen, einem lebendigen Vogel! Er hatte sich auf meinem Haus niedergelassen. Ihr müßt wissen, ich bin der reichste Mann in Locmariaquer und besitze ein stattliches Haus mit einem steinernen Kreuz auf dem Giebel. Es ist nicht verwunderlich, daß sich große Vögel darauf niederlassen, aber der Vogel, den diese Feder geziert hatte, war ein äußerst ungewöhnliches Geschöpf. Vielleicht hätte ich ihn gar nicht bemerkt, hätte er nicht so laut geschrien. Es war ein markerschütternder Schrei. Ich war gerade beim Bürsten meines Pferdes, als ich ihn hörte. Ich blickte auf und sah ihn mit seinem gewaltigen, roten Schnabel, seinen glänzenden Federn und böse blickenden Augen. Er starrte mich eine Weile an, flog aber dann davon. Dabei fiel diese Feder zu Boden."

Ortwin hatte die Feder inzwischen an Baldwin weitergegeben. Dieser runzelte die Stirn und schob sie Hieronymus unter die Pfoten.

"Was meinst du dazu, Kater? Du kennst dich doch mit Federvieh recht gut aus, oder?"

Hieronymus schnupperte vorsichtig daran. Schließlich tatzte er sie von der Bank. Klirrend fiel sie zu Boden.

"Ja", bestätigte Ortwin, "sie ist aus Eisen. Es besteht kein Zweifel. Euer Vogel - sofern die Feder wirklich von ihm stammt, was ich nicht bezweifeln möchte - trägt ein Gefieder aus Eisen."