Ilias light - Leseprobe

Verehrte Göttin, sei so gut,
erzähl uns von Achilles’ Wut,
lasse gemeinsam uns berichten
die fürchterlichen Kampfgeschichten,
die sich in längst vergang‘nen Tagen
vor Trojas Feste zugetragen.

Nicht nur Achilles trifft die Schuld,
auch wechselhafte Götterhuld
brachte beider Völker Heere
Krankheit, Tod und Kriegsmisere.
So hat Apoll auch ohne Schlacht
schon viele Griechen umgebracht.

Denn Phöbus bitterbös verteidigt,
Chryses, den Priester, den beleidigt’
Agamemnon von Mykene,
Heeresführer und Hellene,
der nur den eignen Wünschen frönte
und den alten Herrn verhöhnte.

Zum König, der im Schlachtgetümmel
und auch privat als rechter Lümmel
bekannt und vielgefürchtet ist
– ein rücksichtsloser Egoist –,
kam Chryses, Liebling des Apoll,
das Aug’ mit bittren Tränen voll:

„Edler König, Atreus’ Sohn,
dir, der du zehn Jahre schon
rund um Troja glücklos schleichst,
mit deiner Taktik nichts erreichst,
soll Schlachtenglück beschieden sein,
gibst du zurück mein Töchterlein.“

So versucht er, sehr verlegen,
Agamemnon zu bewegen,
seiner Beute zu entsagen.
Doch des Vaters bittend’ Klagen
bewirken grad das Gegenteil,
gefährden auch sein eignes Heil!

Blutrot läuft Agamemnon an,
der nie auf was verzichten kann:
„Was glaubst du denn, du alter Blödel!
Ich bin versessen auf das Mädel!
Im Haushalt ist sie sehr geschickt,
im Bett macht sie mich ganz verrückt!“

„Damit’s dir leichter, zu entsagen,
bring ich dir Gold und reiche Gaben.
Apollo, der geschickt mit Pfeilen,
wird gerne euch zur Hilfe eilen.
Gibst du zurück die süße Beute,
les ich ihm eine Andacht heute.“

Dies ist ein faires Angebot,
das ihm in seiner Vaternot
der alte Chryses unterbreitet
– vergeblich! – denn der Teufel reitet
den König – akzeptiert es nicht
und springt dem Alten ins Gesicht:

„Mit gar nichts kannst du mich verlocken,
drum mach dich schleunigst auf die Socken!
Solltest du noch ein Wörtchen sagen,
dann geht es dir gleich an den Kragen;
und meiner Schiffe Nähe meide,
weil ich das schon gar nicht leide!“

Der Alte senkt beschämt das Haupt,
ein Vater, seines Kinds beraubt.
Wohl ist’s dem Priester durchaus klar,
dass damals es so Sitte war,
besiegter Völker Gut zu klauen,
und selbstverständlich hübsche Frauen.

Trotzdem er zu Apollo spricht:
„Ich hab in meinem Leben nicht
ein einzig Opfer dir verwehrt,
dich, Phöbus, immer hoch geehrt.
Straf Agamemnon, Atreus’ Sohn
Tod und Seuche sei sein Lohn!“