Chinchillas - ein nostalgischer Rückblick in die 60er Jahre


Kennen Sie das? Sie suchen etwas und es fällt Ihnen alles in die Hände, nur nicht das, was Sie suchen! So stieß ich kürzlich beim Durchstöbern des Kellers auf das Buch "Leben mit Chinchillas" von einem gewissen Wolfgang Zimmermann, 40 Seiten, DIN-A-5-Format quer, mit Schwarzweißbildern; ein Buch ohne Jahresangabe. Vergilbtheit seiner Blätter, Format und Umschlaggestaltung, aber vor allem die Werbung auf den hinteren Seiten verraten ein Entstehungsdatum irgendwann in den späten 50ern oder frühen 60ern, in der Zeit von Heinz und Ludwig Erhard(t), Nierentischen und monströsen Schwarzweißfernsehern. Damals ging es bekanntlich steil bergauf mit der deutschen Wirtschaft, und dem fleißigen und einfallsreichen Bürger winkten als Lohn der dicke Mercedes und das Wochenendhaus im Tessin. Als eine der vielen hochgepriesenen Möglichkeiten an das "dicke Geld" zu kommen, galt die Chinchillazucht. Die silbergrauen Felle der Hasenmäuse, wie die Tiere auch genannt werden, waren heiß begehrt, hüllten sich doch die Damen jener Zeit skrupellos in alle möglichen edlen Pelze - ganz ohne schlechtes Gewissen und ohne zu fragen, woher diese kamen.

Da die Chinchillas in freier Wildbahn - gerade wegen ihres Pelzes - bereits ausgerottet waren, der Bedarf an ihren Fellen aber stieg, schoß eine Chinchillafarm nach der anderen aus dem Boden. Auch Deutschland war Ende der 50er überzogen von einem Netz aus Chinchillafarmen, Chinchillazüchtern und Chinchillaclubs, und in den Tageszeitungen fanden sich Annoncen wie: "Chinchillazucht - ein guter Nebenverdienst! Nur geringes Startkapital vonnöten."

Meine Eltern glaubten zwar nicht daran, mit den Nagern reich zu werden, hofften aber auf einen lukrativen Nebenverdienst. Zeit hatten sie für die Zucht eigentlich keine; mein Vater arbeitete tagsüber in einem Büro und meine Mutter betrieb ein Kiosk mit Lottoannahmestelle. Die freitägliche Lottoabrechung und allabendliche "Kasse" des Ladens oblagen meinem Vater; außerdem galt es, Zeitungen zu remittieren, Steuererklärungen auszufüllen und Jahresinventuren zu machen - alles Aktionen, die meinem Vater manches Wochenende raubten. Es ist mir deshalb schleierhaft, wie meine Eltern auch noch eine Pelztierzucht auf die Reihe brachten. Aber sie schafften es. Jedenfalls baute mein Vater eines Tages den alten Hühnerstall und die ehemalige Waschküche hinter dem Garten zur "Zuchtanstalt" um, und dann standen sie da, die ersten vier Käfige mit den ersten vier Tieren: drei Weibchen, einem Bock. Jedem Tier stand ein Käfig zu; der Bock aber konnte zudem über einen Laufgang, der die Käfige miteinander verband, seine Weibchen besuchen. Die Weibchen wiederum konnten ihre Käfige nicht verlassen, denn sie trugen eine Halskrause, die größer war als das Durchschlupfloch in den Laufgang - eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, das leider notwendig war, denn kamen sich zwei Weiber in die Quere, bissen sie sich gegenseitig und rupften sich das kostbare Fell vom Leib.

Die Chinchillakäfige waren aus Draht und mit 60 x 60 cm2 im Grundriß recht klein für die - gemessen über den Schwanz - gut 25 cm langen Tiere; doch der Begriff "artgerechte Tierhaltung" war noch nicht erfunden. Das einzige Artgerechte, was ein Züchter den Tieren gönnte, war - sah man von Nagesteinen und einer hölzernen "Fluchtkiste" im Käfig ab - das tägliche Sandbad. Jeden Morgen und jeden Abend bekamen die Tiere eine Plastikschüssel mit weißem Sand in die Käfige gestellt. Sie wälzten sich dann kurz darin, was den Züchter sehr verzückte, galt doch ein sandgereinigtes Fell als besonders erstrebenswert.

Doch damit begann schon der Ärger: Von unseren vier Tieren ging eines nicht ins Sandbad! Es war das Weibchen im mittleren Käfig. Es galt als scheu. Ich weiß noch, was meine Eltern alles anstellten, um dieses blöde Vieh aus seinem Fluchtkasten zu locken, damit es sich endlich in seiner Plastikschale wälzte. Und ich sehe heute noch das besorgte Gesicht meines Vaters, wie er von seiner Lottoabrechnung aufschaute, wenn meine Mutter vom abendlichen Fütterungs- und Sandbaderitual hereinkam und gestand: "Das Mittlere ging heute wieder nicht in den Sand." Das Problem wurde jedoch bald gelöst. Ein anderer Züchter aus dem Ort gab meinem Vater den ersehnten Rat: "Warum losse Sie des Sandbad net iwer Nacht im Keffisch drin?" Gesagt, getan: Die Fellpflege der verwöhnten Dame konnte in aller Diskretion in der Dunkelheit stattfinden und meine Eltern fanden zu ihrem wohlverdienten Schlaf zurück.

Eine geraume Zeit verging, und der erste Nachwuchs stellte sich ein. Das Weibchen im rechten Käfig warf zuerst, dann das im linken: jede zwei Winzlinge, die fast nur aus Kopf und Schwanz bestanden, aber bereits in ihr wundersamens Fell gehüllt waren und mit riesigen Knofpaugen in die Welt blickten. Das Mittlere zierte sich auch in Hinblick auf Familienplanung. Doch irgendwann kam der Bock auch bei ihr zum Ziel und sie warf gnädigerweise ein Junges.

Wenn sich Nachwuchs einstellte, durfte der Bock seine Weibchen nicht mehr aufsuchen, denn es war hinreichend bekannt, daß Chinchillaböcke ihre Jungen totbeißen konnten. Ja, neurotisch waren sie irgendwie alle, nicht nur das Mittlere. Stundenlang konnten sie dahocken, vor sich hindösen und plötzlich - wie ferngesteuert - sprangen sie alle gleichzeitig hoch und begannen in ihren engen Drahtkäfigen an den Wänden entlangzurennen. Dabei gewannen sie soviel an Schwung, daß sie mehrere Loopings schlugen oder sieben, acht Runden an den Käfigwänden drehten, ohne nur einmal den Boden zu berühren. In den besten Zeiten unserer Zucht, als dreißig, ja gar vierzig Tiere den ehemaligen Hühnerstall bevölkerten, war dies ein Heidenspektakel, vor allem wenn dann auch noch die Metallschieber, die unten in die Käfige - gefüllt mit Sägespäne - eingeschoben wurden, klapperten. Auch flogen bei der wilden Raserei Futterbecher oder Trinkflaschen umher, was die Geräuschkulisse abrundete. Genauso plötzlich wie der Radau begann, endete er meist wieder: Schlagartig wurde es still, wobei aber einer der Böcke oft noch eine Coda anhängte und den typischen Chinchilla-Brunftschrei laut in den Raum trompetete: "Bääh-beh-beh-beh!"

Versteht sich von selbst, daß Chinchillas als nachtaktive Tiere solche Lärmorgien fast nur dann veranstalteten, wenn unsereins schlafen wollte. Glücklicherweise lag der Stall weit genug vom Haus entfernt, so daß uns die Geräusche nur im Hochsommer, wenn alle Fenster geöffnet waren, tatsächlich störten.

Grauenvoll waren auch die ständigen Nagegeräusche, die nächtens aus dem Stall drangen. Die Hasenmäuse nagten nicht nur an ihren gipsartigen Nagesteinen, sondern auch an ihren hölzernen Fluchtkästen, an den Futterbechern, an den Drähten ihrer Gefängnisse und - dies allerdings recht geräuscharm - an ihren eigenen Fell! Doch gerade das "Fellfressen" brachte meinen Vater schier zur Verzweiflung. Plötzlich, über Nacht, sah das eine oder andere Tier wie mottenzerfressen aus. Manchmal waren es die Zellennachbarn, die ihren Artgenossen - durch die Drähte hindurch - die Fellspitzen abknusperten. Da war immerhin Abhilfe möglich; mein Vater setzte die Attentäter einfach in einen anderen Käfig oder schob ein Brett zwischen die Käfige der Rivalen. Oft aber fraßen sich die Biester die Löcher ins eigene Fell. Gegen derart schwere Neurosen war kaum ein Kraut gewachsen, obwohl es eine Unzahl wissenschaftlicher Abhandlungen über das Fellfressen und eine ebenso große Zahl von wohlgemeinten Ratschlägen dagegen gab: Aus einem wertvollen Fell war ein Lumpen geworden - und dem unnützen Fresser drohte die Notschlachtung. Was den Wert der einzelnen Tiere anging, so wurde dieser nach strengen Maßstäben bestimmt. Zweimal im Jahr kam ein älterer Herr vom Chinchillaverband und nahm die Bewertung vor. Dabei packte er die Tiere an ihren Schwänzen, hielt sie kopfüber und blies ihnen in das Fell. Dann gab es Noten. Sie reichten von A 9 - gerade noch für Muffs und Hutkrempen brauchbar - bis A 15 - einsame Spitze, für Mäntel von Filmdivas geeignet. Traurigerweise hatte mein Vater fast nie ein Tier mit der Note A 15, und auch A 14 und A 13 waren selten. Er mußte sich meist mit A 12 und weniger zufrieden geben. Ein 12er Fell brachte aber gerade mal die paar Mark, die das Vieh in Laufe seines Daseins verfressen hatte. Fazit: Von Nebenverdienst keine Rede!

Trotzdem ließ mein Vater immer wieder mal das eine oder andere Tier pelzen, was mich, der ich diese Tiere zeitweise haßte, mit innerer Genugtuung erfüllte. Mein Haß hatte unterschiedliche Motive, zum Beispiel die Tatsache, daß ich alle Monate ins Reformhaus geschickt wurde, Leckerbissen für die Tiere zu kaufen: Weizenkeime, Weizenkleie, Leinsamenschrot. Vor allem aber war es der Gestank der Tiere, der mich anwiderte. Die Ausscheidungen von Nagern haben nun einmal einen typischen Geruch; wenn dann die Sägespäne kurz vor ihrer Erneuerung stand, war die Luft im Stall hochgradig mit Ammoniumverbindungen geschwängert. Was mich ebenfalls ekelte, waren die gelben Brühen, die den Tieren ab und zu in das Trinkwasser gegeben wurden. Diese nach Schwefel stinkenden Süppchen sollten gegen typische Chinchillakrankheiten gut sein. Übrigens Krankheiten: Natürlich blieben auch unsere Tiere nie ganz davon verschont. Es gab da eine schreckliche Augenkrankheit, zu deren Behandlung die gequälten Tiere ins Haus geholt werden mußten. Meine Mutter hockte dann stundenlang da und wusch die verschwollenen, verklebten Chinchillaaugen aus, wobei der Tinktur, mit der dies geschah, ein bitter-süßlicher Lebertrangeruch entströmte.

Beim Pelzen sah ich einmal zu. Dies geschah nicht zu Hause, sondern bei einem anderen Züchter. Zwei auserwählte Opfer wurden in einen Holzkasten gesetzt, in den Chloroform geblasen wurde. Schnell entschliefen die Tiere, wurden herausgeholt und vom Züchter geschickt aufgeschlitzt. Ihr Inneres fiel aus dem Fell, ohne daß auch nur ein Blutstropfen spritzte. Blut auf den Fellen wäre ja für den weiteren Verkauf hinderlich gewesen!

Meiner Mutter gefielen diese Schlachtungen gar nicht. Sie war es ja, die die Tiere fast täglich fütterte. In späteren Jahren sprang ich ab und zu ein - vor allem freitags, als die Arbeit mit der Lottoabrechnung immer mehr wurde und beide Elternteile voll in Anspruch nahm - und in der Urlaubszeit übernahm die Oma die Fütterungen. Aber an gut 300 Tagen im Jahr stand meine Mutter im Chinchillastall. So entwickelte sie eine Beziehung zu den Tieren, kannte deren Eigenarten und Charaktere und hatte auch ihre Lieblingstiere, die sich streicheln ließen. Als dann eines Tages der Bewerter kam und mit gnadenlos eiskalter Stimme das Todesurteil über einen A-14-Bock verkündete - "Des Fell is jetzt rreif!" - da rebellierte meine Mutter: "Nein, diesen nicht! Der ist zahm!"

Meinem Vater blieb nichts anderes übrig, als zuzusichern, diesen Bock bis zu seinem natürlichen Ende weiterzufüttern. Doch als weitere Monate und Jahre vergingen, wurden die Konflikte zwischen der Tierliebe und dem Bedarf der Kürschner immer größer. Mehr und mehr Tiere wurden von Bewertungen und Pelzungen ausgenommen, bis mein Vater eines Tages verkündete, das Geschäft, welches sich sowieso nie recht gelohnt hätte, bringe nur noch Verluste. So hieß dann der erlösende Satz: "Die Zucht wird abgeschafft."

Ende der 60er waren die letzten Tiere an andere Züchter verkauft. Der Stall wurde zu einem riesigen Papageienkäfig umgebaut; mein Vater, der an Vögel schon immer einen Narren gefressen hatte, hielt sich eine zeitlang Ziegensittiche und Schwarzköpfchen.

Was von unseren Chinchillas blieb, sind - außer dem schon erwähnten Buch - ein knappes Dutzend nicht verkaufter Felle, von denen eine entfernte Verwandte, eine gelernte Kürschnerin, meiner Mutter einen Kragen für einen Mantel nähte. Ich kann mich aber nicht erinnern, daß meine Mutter diesen je getragen hatte. Und dann blieben da noch einige der Metallbleche, die dereinst mit Sägespäne gefüllt waren. Sie dienen als Pflanzschalen für Kakteen. Doch sind sie schon reichlich verrostet; wir werden sie wohl bald wegwerfen müssen.

Mein Vater beim Säubern der Chinchilla-Käfige

 

© R. Thum, November 1997