1. Hocker
"Hocker" verlassen den Campingplatz praktisch nie; sie hocken den ganzen Tag auf ihm, gleichsam wie eine Henne auf dem Ei. Ihre Campingausrüstung ist beängstigend perfekt: vollausgerüsteter Wohnwagen mit Vorzelt, Klappstühle, Klapptisch, das gesamte Geschirr von zu Hause, einschließlich Weingläser, Sektkühler und Salatschleuder, alle denkbaren Elektrogeräte, selbst ein Staubsauger.
Hocker sind entweder ältere Ehepaare, denen die Campingerfahrung tiefe Furchen ins Gesicht gezogen hat, oder Großfamilien mit Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tante und vier oder fünf Kindern in allen Alterstufen, vom kreischenden Wickelbaby über rotzfreche Schulgören bis hin zum flegelhaften Pupertätsjüngling.
Hocker leben uns die klassische Arbeitsteilung in den Familien vor: die Frauen kochen, spülen Geschirr, passen auf die Kinder auf, waschen Wäsche, putzen, räumen, schütteln Kissen aus. Zu den Aktivitäten der Männer gehört das Herumsitzen, Zeitunglesen, Hantieren am Wohnwagen, mit dem Hund Gassi gehen, Liebkosen des Autos mit Läppchen und Schwämmchen sowie gelegentliches über den Platz Schläppeln, um Bier, Zigaretten oder morgens die Brötchen zu holen. Die Kinder quängeln, lärmen, zerfen, nerven, streiten, langweilen sich.
Es stimmt nicht, daß die Hocker alle aus einem unserer nördlichen Nachbarländer stammen. Aber nahezu alle Camper aus diesem Land sind Hocker. Allerdings spülen bei diesen die Männer das Geschirr, oft gemeinsam, wobei sie sich gegenseitig fröhlich und lautstark ihre neuesten Campingabenteuer berichten.
2. Trapper, Extremsportler, Pfadfinder
Sie treten immer in Gruppen auf, wobei auf drei Männer höchstens eine Frau kommt. Ihre Ausrüstung ist spartanisch, erfüllt aber ihren Zweck: Igluzelt, Isomatte, Schlafsack, höchsten zwei Paar Socken, Bergschuhe oder dergleichen, Regenkleidung, Campingkocher, Kochtopf, ein Löffel, vielleicht ein Kaffeepot. Ihre Fahrzeuge sind entweder winzige Kisten älteren Jahrgangs oder kunstvoll umgebaute Wohnmobile. Einige reisen aber auch mit Fahrrädern an, wobei deren Ausrüstung durch entsprechende Bikerkleidung ergänzt wird. Manchmal sind auch Kanuten unter ihnen, die ihre winzigen Schlupfzelte im Windschatten ihrer algenbegrünten Wasserfahrzeuge aufschlagen.
Der Grad ihrer Verwilderung ist proportional zur Dauer ihrer Reise: Die Herren sind unrasiert, ihre Haare sind fettig und zerzaust, und ihrer Wäsche entströmt ein an nasses Hundehaar erinnernder Geruch. Die Frauen unter ihnen sind meist extrem kurz geschoren (denn auf Reisen hat frau keine Zeit, sich um ihre Frisur zu kümmern), ansonsten versuchen sie mit ihren männlichen Mitreisenden hinsichtlich Schmutz und Ausdünstung Schritt zu halten oder diese gar zu übertreffen.
Für diese Leute sind Campingplätze ein notwendiges Übel, da sie irgendwo übernachten müssen (und Wildcampen wegen der Polizeikontrollen nicht mehr den romantischen Touch hat wie früher). Entsprechend erscheinen sie nur spät abends auf dem Campingplatz und verschwinden auch schon wieder früh morgens. Wenn sie sich auf aber auf dem Platz aufhalten, gleicht ihr Lager dem eines mittelalter-lichen Heeres, welches seit Wochen eine Burg belagert. Sie kauern dann neben ihren Zelten auf Isomatten, löchrigen Decken oder auf dem Boden, lüften ihre Schuhe und wärmen sich Ravioli- oder Linsenkonserven.
3. Lärmer
Sie sind tagsüber unscheinbar; gehören vielleicht zur Fraktion der Hocker, können sich aber auch viele Stunden vom Campingplatz entfernen. Abends, wenn sich die anderen Campinggäste für die Nacht rüsten, wenn das letzte Kindergeschrei verstummt ist und die letzten Erwachsenen gähnend vom Waschhäuschen zu Zelt oder Wohnwagen schleichen, erscheinen sie, rücken ihre Klappstühle zurecht und öffnen "noch schnell ein Bierchen" oder entkorken eine Weinbuddel. Dann palavern sie laut , scherzen und lachen, wobei gerade ihr Lachen den anderen Campinggästen das Lachen vergällt - kommt es doch immer explosionsartig aus allen Kehlen, unvermittelt nach einer längeren Periode des Flüsterns und Wisperns.
Gegen Mitternacht beginnen sie dann oft zu singen: Heino's Haselnuß, die Caprifischer oder Werbespots. Wenn es sich um eine Gruppe Jugendlicher handelt, wird deren Gekrächze von Gitarrengeklampfe begleitet und der Musikliebhaber erkennt die neuesten Hits aus den Charts.
Bei eventuellen Ermahungen und Bitten anderer Camper reagieren sie mit verdutztem Gesicht, wobei sie aber versprechen, Ruhe zu gehen. Dies tun sie dann auch immer - für ein paar Minuten, nur um danach erneut umso lauter und brutaler loszubrüllen. Am Tag nach der Lärmorgie ist bis in den späten Vormittag nichts von ihnen zu sehen und zu hören. Nicht einmal die schlimmste Geräuschkulisse eines überfüllten Campingplatzes (Kindergetobe am Spielplatz oder im Schwimmbad, Musik, Autohupen usw.) kann sie aus ihrem Koma erwecken.
Eine Variante der Lärmer sind die "Morgenlärmer", jene Zeitgenossen, die aufstehen, wenn der Morgentau auf den Platz fällt, und über die Kieswege zum Waschhäuschen joggen oder die schon vor 6.00 Uhr beginnen, ihre Zelte abzuschlagen, was vom bekannten melodischen Kleppern der Zeltstangen und Heringe begleitet wird.
4. Dauercamper
Sie haben irgendwo "einen Wohnwagen stehen", was sie verpflichtet immer wieder auf "ihren" Campingplatz zu fahren. Und da der Wohnwagen zum zweiten Zuhause wird, wird er entsprechend eingerichtet: Blumenkästen mit Sanseverien und Geranien, Betten mit richtigem Bettzeug, das morgens zum Auslüften aus dem Fenster gehängt wird, Fernseher, Videogerät, Dampfkochtopf für den sonntäglichen Sauerbraten, Rasenmäher (natürlich elektrisch), Tretmülleimer, Deutschlandfahne - und dann die Gartenzwerge in allen Größen und Farben. Dauercamper sind oft Hocker und nicht wenige von ihnen gehören zur Fraktion der nächtlichen Lärmer.
Am liebsten sind sie unter sich, auf Plätzen,der nicht von Durchreisenden entweiht wird oder wo diese zumindest auf ein abgelegenes Areal verbannt werden. Denn nichts hassen sie mehr als Fremde, die über ihre sterilen Rasenflächen um den Wohnwägen trampeln und dabei gar einen Gartenzwerg umwerfen.
5. Schwätzer
Das sind Leute, die es immer gut meinen und stets mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie erscheinen unverfhofft, z.B. wenn man sein eigenes Zelt aufbaut, und wissen genau, wie auf dem jeweiligen Grund welche Heringe einzuklopfen sind - "Kiesgrund, da nehmen sie am besten die Stahlstifte..." - oder wie die Zeltschnüre gespannt werden müssen - "Der Wind kommt hier immer von Norden, da müssen Sie...". Wehe man erwidert etwas auf ihre Ratschläge oder fragt sie etwas - höflicherweise Interesse heuchelnd -- dann wird man sie gar nicht mehr los und erfährt bald alles über ihre Hühneraugen und Dornwarzen, den Fußpilz von Tante Erna, Klein-Mäxchens schlechte Zensuren in Mathematik und das tolle Nachtleben im Ferienort vom letzten Jahr, während ja hier überhaupt nichts los sei.
Schwätzer sind glücklicherweise eine sehr seltene Rasse; die meisten Camper sind eher kontaktscheu und blicken gar erschrocken zur Seite, wenn sie morgens gegrüßt werden. Schwätzer aber mutieren nicht selten zu den berühmt-berüchtigten Urlaubsbekanntschaften, die einem zu jedem Weihnachtsfest ein Kärtchen schreiben und eines Tages sogar - unangemeldet, wenn man es am allerwenigsten erwartet - mitsamt Kind und Kegel zu einem Besuch ("Überraschung!") vor der Tür stehen!