Der Gaukler aus der anderen Welt – Tagebuch einer unfreiwilligen Zeitreise

 

 

Darum geht’s:

 

Stellen Sie sich vor: An einem Sommertag im Jahr 2010 sitzen Sie während eines heftigen Gewitters in Ihrem Auto – da schlägt ein Blitz in Ihren Wagen ein und nachdem das Gewitter abgezogen ist, finden Sie sich in einer völlig veränderten Welt wieder. Der Blitz hat Sie, samt Ihrem Wagen, um fast 1000 Jahre in die Vergangenheit geschleudert! Nach kurzer Zeit stellen Sie fest: Sie haben keine Möglichkeit mehr, in Ihre Zeit zurückzukehren. Was würden Sie tun? 

Rudolf Andres, dem Ich-Erzähler dieses Romans, ist dies passiert: Er findet sich urplötzlich ins 11. Jahrhundert zurückversetzt und muss sich in der ihm völlig fremden Welt zurechtfinden. Doch nicht nur für ihn ist die unfreiwillige Zeitreise eine Herausforderung: auch für die Menschen der damaligen Zeit. Was will dieser Fremde mit seinen seltsamen „Wunderdingen“, die er angeblich aus dem 21. Jahrhundert mitgebracht hat? Schickt ihn Gott oder der Teufel? Oder ist er nur ein Gaukler und Possenreißer, der gar nicht aus der Zukunft stammt?

 

Die folgende Szene spielt zu Beginn der unfreiwilligen Zeitreise. Der Erzähler beschreibt eine der ersten Begegnungen mit dem mächtigen Abt Reginbald von Dillingen, dem Beauftragten des Kaisers für den Bau des Speyerer Doms.

 

 

1. Kostprobe: Weiberherrschaft im 21. Jahrhundert (s. 83/84 in der Printversion)

 

14. Juli 1037

Am folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, machte ich mich, von

einer unbestimmten Unruhe getrieben, auf den Weg zurück zum Dorf. Ich

hatte nichts gefrühstückt, nur etwas Quellwasser getrunken. Insgeheim

hoffte ich, im Dorf etwas zu essen zu bekommen.

Es war merklich kühler geworden. Graue Wolken hingen über den

Pfälzer Bergen, über der Rheinebene dagegen schien noch die Sonne.

Niemand war unterwegs. Es war unheimlich still. Lediglich das Krähen

eines Hahnes in weiter Ferne und gelegentliches Hundegebell waren

zu vernehmen.

Als ich mich Handschuhsheim / Hendesham auf weniger als einen

halben Kilometer genähert hatte, kamen mir Reiter entgegen. Ich erkannte

den Abt in Begleitung von Gernot und zwei weiteren Berittenen,

allesamt mit Schwertern und Dolchen bewaffnet.

Als mich der Abt kommen sah, stieg er vom Pferd. Seine Begleiter jedoch

blieben im Sattel.

»Herr Rodolfo«, begrüßte er mich, »Ihr seid bereits unterwegs? Was

führt Euch entlang der staubigen Straße?«

»Ich wollte ins Dorf, mich ein wenig umschauen«, entgegnete ich.

Er lächelte: »Das mag Zeit haben. Wenn Ihr erlaubt, so kehren wir

um, zu Eurem vehiculum. Es soll sich doch dort auf dem Hang befinden,

nicht wahr? Mich gelüstet, es zu sehen. Verzeiht mir erneut meine

Neugierde. Doch als Ratgeber des Kaisers bin ich verpflichtet, alles zu

erfahren, was in seinem Reiche vor sich geht.«

»Selbstverständlich können wir zu meinem Fahrzeug gehen. Nur verzeiht,

dass ich zu Fuß unterwegs bin. Ich besitze kein Pferd, bin auch

leider des Reitens nicht mächtig.«

»Das habe ich bereits vernommen«, sagte der Abt. »Es heißt, bei euch

dienen die Reittiere nur zur Erbauung. Ansonsten seid ihr nur noch mit

euren automobilia unterwegs. Fürwahr, fürwahr, Ihr müsset in einer

sonderbaren Welt leben. Berichtet mir doch bitte, während wir den Weg

fortsetzen, wie es bei euch so bestellt ist. Wer ist Kaiser, wer ist Papst?

Wer hat das Sagen im Ostfrankenreich?«

Ich überlegte nicht lange, atmete einmal tief durch und erzählte, was

mir gerade in den Sinn kam (wobei ich wiederum bemerken möchte,

dass ich diese Rede nur sinngemäß wiedergebe, da ich der Sprache der

Anderen zu diesem Zeitpunkt noch nicht mächtig war): »In meiner Zeit,

in meiner Welt, gibt es in diesem Land keinen König mehr und keinen

Kaiser. Das Land hier, das Ihr das Ostfrankenreich nennt, nennen wir

Deutschland, was so viel bedeuten mag wie ‚Das Land des Volkes’. Es ist

eine Republik, eine res publica. Das Volk wählt alle vier Jahre eine neue

Regierung. In der Tat, das Volk, nicht die Fürsten. Jeder Mann und jede

Frau hat das Recht, zu wählen. Der Regierung steht ein Kanzler vor, ein

canciller. Zusammen mit einigen Ministern bestimmt er das Geschick

des Landes. Im Jahr 2010 herrscht eine Kanzlerin. Eine Frau, ja, Ihr habet

recht gehört, ein Weib.«

»Treibet keine Scherze mit mir«, sagte der Abt mit erstaunter Miene.

»Mag es schon verwunderlich klingen, dass es keinen König mehr gibt

und das Reich eine Republik geworden ist, doch dass ein Weib … Ich will

es kaum glauben. Hat das Zeitalter des Anti-Christen begonnen?«

 

2. Kostprobe: Einige Tage später lernt Rodolfo tatsächlich Reiten. (S. 105/106)

 

An dieser Stelle will ich nun auch mein erstes Erlebnis auf dem Rücken

eines Pferdes festhalten. Tatsächlich kam nur wenige Tage nach Reginbalds

Weggang – es mag der 20. nach meiner Ankunft bei den Anderen gewesen

sein – ein junger, dürrer Bursche mit einem flaumigen Bart und in einen

gar absonderlich bunten Flickenrock sowie eng anliegende, schwarze

Hosen gekleidet, zu mir auf den Hügel. Er stellte sich als Rodrigo vor

und überschüttete mich mit einem Redeschwall, bei dem ich lange nichts

verstand, denn der gute Mann sprach eine erschreckende Mischung aus

einem vulgären Latein, Fränkisch, vielleicht auch Arabisch und wer weiß

welchen Sprachen noch. Schließlich deutete er hinunter zum Karrenweg,

wo nicht ein, sondern zwei Pferde standen.

»Die zween equi auf uns warte«, quasselte er, »eines von mir, anderes

vom abbati für Ihro Fremdheit geschickt worde. Ihr itzo equitare discere,

ich Ihm instruire wie des mache. Ihr dann mit equus fahre könne, wie

immer wolle.«

Ich griff nach meinem Fernglas, um herauszufinden, ob das Tier überhaupt

einen Sattel hatte und wenn ja, was für einen. Zu meiner Beruhigung

hatte es einen und er sah sogar recht modern aus. Trotzdem, mir,

der noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hatte, verursachte allein

schon der Gedanke, das Gesäß auf einen solchen Ledersitz drücken zu

müssen, Schmerz und Angstschweiß. In diesen Tagen besaß ich noch

keine Kleidungsstücke wie die Anderen und somit musste ich mich notgedrungen

in meiner dünnen Trainingshose auf das Tier setzen.

Ich hastete hinter Rodrigo den Hang hinunter, wobei er weiterhin redete

und redete. Unten angekommen, war ich völlig außer Atem, was

den Jungen aber nicht davon abhielt, unverzüglich das Pferd am Zaumzeug

zu greifen, zu mir heranzuführen und mich zum Aufsteigen aufzufordern.

Neben dem Tier, dessen Rücken sich auf meiner Kopfhöhe

befand und dessen eigener Kopf mich um einiges überragte, ergriff mich

fast die Panik. Doch an Flucht war nicht zu denken, also galt es, schnell

zu handeln und es hinter sich zu bringen.

Ich packte den Sattelknauf. Das Pferd drehte mir seinen Kopf zu. Es

war braun, hatte eine blonde Mähne und eine kecke Blässe auf der Stirn.

Es schnaubte leise. Ich sah seine Augen und wusste: Dieses Pferd war

harmlos, sogar gütig. Dennoch blieb die Angst. Auch ein gütiges Pferd

konnte böse werden, wenn der Reiter ein Stümper war und es quälte,

wenngleich er es unwissentlich tat.

Rodrigo redete derweil weiter, wobei er gestikulierte wie ein Jongleur,

nur, dass ihm die Jonglierkeulen fehlten. Er deutete auf den Steigbügel.

Immerhin, es gab einen. Ich trat hinein, zog mich am Zaumzeug hinauf

und Rodrigo drückte mich an meinem Hintern hoch. So kam ich tatsächlich

auf dem Sattel zu sitzen. Es war unheimlich. Ich kam mir vor,

als befände ich mich auf einem Hochsitz. Das Pferd bewegte sich kaum,

trat nur ein oder zwei Schritte hin und her, doch allein das verschaffte

mir einen erneuten Adrenalinstoß.

Nun saß auch Rodrigo auf sein eigenes Pferd auf, ritt an mich heran und

griff nach meinen Zügeln. Wir setzten uns in Bewegung. Ich hatte

Mühe, im Sattel zu bleiben, wusste nicht, wohin ich greifen sollte, also

klammerte ich mich an den Sattelknauf. Rodrigo lachte. Er bedeutete

mir, aufrecht zu sitzen und mich durch Druck der Oberschenkel auf

dem Sattel zu halten, nicht durch Festhalten mit den Händen. Die Hände

bräuchte ich schließlich zum Führen der Zügel. Er reichte mir selbige

bereits nach wenigen Metern und gebot mir, leicht daran zu ziehen. Das

Tier blieb stehen. Ein Erfolgserlebnis! Nun galt es, das Pferd wieder in

Gang zu bringen. Ich sollte mit den Füßen auf seine Lenden drücken.

Ich tat es wohl ein wenig zu fest und das Pferd trabte los.

Das Nächste, was ich sah, war Rodrigos Gaul neben mir und ein grinsender

Rodrigo, der mich von weit oben anglotzte. Ich war heruntergefallen

und das so schnell, dass ich es nicht einmal richtig mitbekommen

hatte.