Det fiel mir uff - Erlebnisse in Berlin

Dieser Winter, der einfach nicht aufhören will! Neuschnee, eisiger Wind. Vom Flugplatz Schönefeld bis zu unserem Quartier in Pankow sind wir mit S- und U-Bahn und dem Bus länger unterwegs als mit dem Flieger von Stuttgart nach Berlin. Und von der Bushaltestelle bis zu unserer Pension ist es noch ein ordentlicher Fußweg. Wir sind ausgelaugt, halb erfroren, einfach nur noch fertig. Endlich taucht die Pension am Ende der Straße auf.

Mein Begleiter, ein Schwabe, schnaubt: „Wenn mer gwusst hätte, dass des so weit weg isch …"

„Ja, die Entfernungen in Berlin sind halt andere als in Mannheim oder Stuttgart." Ein blöder Satz, aber ein intelligenterer fällt mir nicht ein.

Immerhin, die Pension macht einen netten Eindruck. Modern, alles hell beleuchtet. Vorm Eingang drei aufgezogene Flaggen: Berlin, Deutschland, EU. Na, wer sagt's denn! Wenn jetzt da drin eine nette junge Frau an der Rezeption sitzt, mit der sich ein wenig schäkern lässt, sind wir wieder mit der Welt versöhnt.

Die Tür ist verschlossen. Wir klingeln. Eine Weile passiert nichts. Na so was; hieß es doch, es sei „immer jemand da." Endlich summt der Türöffner. Wir treten ein. Drinnen niemand zu sehen; die Rezeption nicht besetzt.

Plötzlich heftige Atemgeräusche. Die kommen von der Treppe, die nach oben, in die Zimmer führt. Es erscheint wirklich eine Frau, aber keine junge, hübsche, sondern eine ältere Dame von unheimlicher Korpulenz. Da sich dieses Wesen seitwärts die Treppen herunterarbeitet, können wir die Ausmaße ihres Vorbaus genauestens bewundern. Der Schwabe schaut mich an, ich den Schwaben. Wir sind sprachlos.

Immer noch halb oben auf der Treppe ruft die Schwergewichtige:

„N Abend die Herren. Se müssen schon entschuldijen, ick kann nich schnella. Ich hab’s inne Beene.“

Endlich kommt sie unten an. Jammert laut: „Ououou,.. meene Knie, ach iss det ’n Schmerz. Aba so iss det halt, wenn de Beene nich mehr woll’n, kann ma nüscht machen.“

 Wir bekunden Anteilnahme, was die Dame sofort zu einem ausführlichen Bericht über ihre Krankheits- und Leidensgeschichte animiert. Wie lange sie „det mit de Beene" schon hat, bei wie vielen und welchen Ärzten sie schon war, welche Medikamente bei ihr alle nichts genutzt haben. Dabei stützt sie sich am Tisch der Rezeption auf und hangelt sich daran entlang. Vom aufrechten Gang zurück zum Vierfüßler ist es nicht weit.

Endlich bequemt sie sich uns die Anmeldezettel hinzulegen.

„Da, füll’n Se mir det bitte aus. Meen Mann iss grad am Tresen, een Bier trinken jejangen. Er hat jesacht, Se bekomm Zimma vier und fünf. Ick soll mir den für Zimma vier jenau ankiecken, ob der schlank iss. Denn de Dusche iss so eng." Dabei fixiert sie mich, als sei ich das nächste Schnitzel, das sie in die Pfanne hauen will und als sei ihr dieses Schnitzel zu mager.

Schon liegt mir auf der Zunge: „Wenn Sie reinpassen, passt da jeder rein", aber ich verkneif's mir. Sie gibt mir Zimmerschlüssel Nummer Vier; der Schwabe grinst.


Nächster Morgen. Nach dem Frühstück geht's ans Bezahlen. Jetzt lernen wir auch den Mann kennen, der abends zuvor am Tresen hing. Er ist auch nicht gerade schlank; seinem Bauch sieht man die vielen Kneipengänge an, aber im Vergleich zu seiner Frau ist er ein Hänfling. Die Frau selbst ist außer Sichtweite.

Die Chance lässt er sich nicht entgehen. Erfreut, geduldige Zuhörer gefunden zu haben, legt er los:

„Ick sach zu meene Frau imma: Lass dir de Beene mach’n, jeh inne Klinik. Aba die will ja nüscht hörn. Jeht jahrelang zu de Doktors und et wird nüscht. Jahrelang inne falsche Behandlung. Aber jetzt isses zu spät."

Wir signalisieren Mitleid mit dem Mann.

Jetzt kommt er erst so richtig in Fahrt.

„Aba ick will nich klagen. De Pension krieje ick noch alleene hin und varreisen tu ick ja nich mehr. Mir reicht det ja, wenn ick ab und zu inne Kneipe kann, an Tresen, mehr erwart ick ja nich mehr vom Leben. Wissen Se, ick war ja vor de Wende Bäcker. Hatte da vorne anne Brandenburger Allee ’ne Bäckerei. Mensch, watt ham wa damals Kuchen jebacken!

Zu Ostern iss de janze Bäckerein volljestanden mit Kuchen, bis zu 200 Erdbeerkuchen ham wa jemacht. Wissen Se, bei uns inne Bäckerei ham ja meene Zuarbeiter jewohnt, drei Jesellen hab ick jehabt und die ham im obersten Stockwerk ihre Zimmer jehabt. De Treppe da ruff hat volljestanden mit Kuchen, dass kaum eener ruff konnte. So war det damals. Und heute? Keene fünf Stück machen se mehr!“

Der Schwabe will es genauer wissen: „Ja, habe Sie denn immer die Zutate gekriegt, damals …"

„Ha, det war keen Problem. Eijentlich hat et bei uns immer allet jejeben. Bäcker und Fleischer ham immer allet bekommen. Aba det Problem war’n de Vorjaben. Wenn de zu viel produziert hast, ham se dir de Vorjaben für det nächste Jahr erhöht. Also hast de lieber wenijer jemacht. Und als Bäcker warst de zwar deen eijener Herr, warst de freier Unternehmer, aba watt de über eenen bestimmten Betrach erwirtschaftet hast, det hast de abliefern müssen. Also hast de nur so viel jemacht, wie de selber verdienen durftest.

Versteh’n Se det. Wenn de vor de Wende in een Restaurang jejangen bist, konnte sein, det alle Tische beleecht war’n, aba jekommen iss keener. De Tische war’n reserviert, damit keener kommt, weil det Restaurang schon sein Soll erfüllt jebabt hat. So war det.“

„Und warum haben Sie die Bäckerei aufgegeben?"

„Na, weil nach de Wende iss ooch nüscht besser jeworden. Die neue Besitzerin von dem Haus wollte so ’ne hohe Miete, det hat sich für mich nich mehr jelohnt. Und die wollte immer nur een Vertrach uff een Jahr machen. Da investiert doch keena. Nee, ick hab dem Bäckerhandwerk abjeschworn. Eijentlich wollte ick anne Ostsee, een Hotel uffmachen, ick bin nämlich so een Wassermensch. Aba mit meene Frau, ach, watt soll ick da sagen. Se ham se ja jesehn. Statt, das se sich endlich operieren lässt, humpelt se von een Doktor zum nächsten. Ick hab ihr jesacht, lass dir endlich ’ne Metallplatte inne Knie einsetzen, det Metall spürt keen Schmerz! Oda lass dir meenetwejen een Holzbeen machen, dann kannste de Socken mitte Reiszwecke ranheften, hat ooch sein Jutet. Aba nee, se will ja nüscht hörn!

Wir nicken und beteuern unser Verständnis. Dann aber bewegen wir uns rasch zur Tür, wünschen, was man sich beim Weggehen so wünscht und entfliehen in die kalte Winterluft.

 

R. Thum, Februar 2006

 

 

Der Autor dankt „Pearl-Berlin“ für die Hilfe bei den Passagen im Berliner Dialekt.